Kounuuann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.  591

er  auch  dem  gerecht  werden,  was  W.  von  Humboldt  schon  zu  Anfang  des
vorigen  Jahrhunderts  von  ihm  vertangte  (in  seinem  ErlaßB  wies  er  besonders
auf  die  Wichtigkeit  des  Studiums  des  menschlichen  Körpers  hin),  und  was
in  der  Gegenwart  einsichtsvolle,  in  den  Fragen  der  künstlerischen  Erziehung
erfahrene  Künstler  und  Kunstgelehrte  (Hirth,  Klinger,  Hildebrandt,  Schmarsow
u.  a.)  von  ihm  fordern.  Die  hier  zu  gehenden  Wege  müssen  freilich  erst  gesucht
  werden.  Das  Studiunn  der  Gebrauchsgegenstände  wie  der  Naturformen
wird  er  wesentlich  vertiefen,  zum  Teil  auf  eine  andere  Grundlage  stellen  müssen.
Da  alle  Gebrauchsgegenstände  den  Bedürfnissen  des  Menschen  nicht  nur  ihre
Existenz,  sondern  auch  ihre  Form  verdanken,  wird  die  letztere  nur  unter
Würdigung  des  Baues  des  menschlichen  Körpers  und  seiner  Glieder  wie  ihrer
spontanen  Verrichtungen  dem  Kinde  zum  inneren  Verständnis  gebracht  werden
können.  Deshalb  wird  der  Zeichenunterricht  der  Zukunft  auf  diese  inneren
Beziehungen  mehr  als  bisher  Wert  legen  müssen.)  Er  wird  ferner  Tier-  und
Pflanzenformen  nicht  an  toten,  ausgestopften  Modellen,  sondern  am  Lebendigen
studieren,  in  der  Erwägung,  daß  Empfinden  und  Verständnis  für  das  Organische
in  Natur  und  Kunst  wie  auch  die  Beobachtungskraft  am  Leblosen  nicht  entwickelt
  werden  können.  Die  toten  Modelle,  mit  denen  sich  heute  unsere
Zeichensäle  füllen,  werden  dem  Zeichenunterricht  der  Zukunft  nicht  genügen
dürfen,  sondern  nur  als  Notbehelf  dienen  können.  Mehr  und  mehr  muß  eine
Vertiefung  dahin  erstrebt  werden,  daß  das  Kind  überall  zur  Erkenntnis  der
engen  Beziehungen  des  inneren  Wesens  zur  äußeren  Form  in  Natur  und  Kunst
gelange.  Mehr  und  mehr  wird  die  wirkliche  Natur  und  die  lebendige  Umgebung
  an  die  Stelle  der  aus  ihr  losgelösten  toten  Modelle  treten  und  das
körperliche  Formen  (Modellieren)  ein  organischer  Bestandteil  des  Zeichenunterrichts
  werden  müssen.

Da  das  Zeichnen  seinem  Wesen  nach  eine  Sprache  ist,  und  die  Aufgabe
des  Unterrichts  darin  besteht,  den  Schüler  mit  dieser  Sprachfähigkeit  auszurüsten,
  wird  der  Zeichenunterricht  das  Abzeichnen  wirklicher  Dinge  wohl
als  eine  wichtige  Sache,  aber  doch  nicht,  wie  bisher  noch  immer,  als  das  Hauptziel
  ansehen  dürfen;  dieses  wird  er  vielmehr  in  dem  freien,  gedächtnismäßigen
Ausdruck  suchen  müssen.  Um  die  Fähigkeit  dieses  Ausdrucks  zu  erreichen,
bedarf  es  wie  bei  jeder  Sprache  der  umfassenden  Übung  und  mannigfachen,
lebendigen  Anwendung.  Die  Zukunft  des  Zeichenunterrichts  und  seine  Bedeutung
  für  unsere  höhere  Schule  und  das  Leben  hängen  deshalb  durchaus  mit
davon  ab,  daß  das  Zeichnen  in  allen  Lehrfächern  neben  der  Sprache  als  Ausdrucksmittel
  praktisch  zur  Anwendung  kommt  und  als  solches  auch  bei  der
Beurteilung  des  Schülers,  bei  Versetzungen  und  Prüfungen,  gewertet  wird.

1)  Auch  Klinger,  Schmarsow  u.  a.  erheben  diese  Forderung.  Gedanken  und  Versuche
  nach  dieser  Richtung  enthält  die  auf  der  vorigen  Seite  in  Fußnote  ?)  unter  2  verzeichnete
  Schrift.