Gegenwärtiger  Stand.  595

Gegenwärtiger  Stand  des  Gesangunterrichtes.  Im  Gegensatze  zum
Zeichnen,  das  noch  nicht  allzulange  dem  Lehrplane  der  höheren  Schulen  einverleibt
  ist,  dafür  aber  zurzeit  im  Vordergrunde  des  Interesses  steht  und  allseitig
  lebhafte  Förderung  erfährt,  hat  der  Gesangunterricht  von  den  allerältesten
Zeiten  an  Bürgerrecht  in  der  Schule  besessen,  er  hat  von  Anfang  an  und  bis
in  das  17.  Jahrhundert  hinein  sich  sogar  einer  sehr  bevorzugten  Stellung  unter
den  Unterrichtsfächern  erfreuen  dürfen,  während  er  jetzt  —  leider  —  ein  etwas
zu  stilles  und  bescheidenes  Dasein  fristet.  Die  Lehrpläne  schweigen  sich  über
den  Gesangunterricht  ziemlich  aus;  die  Hochflut  von  Verbesserungsvorschlägen,
die  seit  Jahrzehnten  über  alle  übrigen  Lehrfächer  sich  ergießt,  läßt  den  Gesangunterricht
  fast  unberührt.  Gering  ist  die  Zahl  der  Abhandlungen  in  den  Schulprogrammen,
  die  sich  mit  diesem  Gegenstande  beschäftigen  und  Dr.  H.  Eickhoff,
der  in  der  Zeitschrift  für  das  Gymnasialwesen  einen  Aufsatz  über  „Musik  und
Gymnasium“  veröffentlicht  hat,  schreibt:  „Solange  diese  Zeitschrift  besteht,  ist
nie  ein  Beitrag  zu  unserm  Thema  geliefert  worden.“!)

Man  darf  sich  fragen:  Ist  auf  dem  musikalischen  Gebiete  der  Schule  alles
in  so  vorzüglicher  Ordnung,  oder  ist  das  musikalische  Volksbewußtsein  so
groß,  daß  es  einer  Anregung  und  Pflege  seitens  der  Schule  nicht  bedarf’?

Wir  rühmen  uns  allerdings  das  musikalischste  Volk  der  Erde  zu  sein,  und
in  der  Tat,  „der  Primat  der  Musik  ist  seit  Händel  und  Bach  dauernd  bei  den
Deutschen  verblieben,  und  augenblicklich  eilt  die  ganze  Welt  zu  uns,  um  bei
uns  zu  lernen“  (Eickhoff  a.  a.  O.).  Allein  es  ist  doch  die  Frage,  ob  wir  nicht
als  Nation  (von  den  Komponisten  sehe  ich  ab)  auf  den  Lorbeeren  unsrer  großen
Meister  wenn  nicht  eingeschlafen  sind,  so  doch  einzuschlafen  drohen.  Man
urteile  nicht  nach  der  Unzahl  von  Leuten,  die  die  Konzertsäle  füllen  oder  sich
um  ein  Opernbillett  schlagen.  Bei  der  großen  Masse  dieser  sog.  Musikfreunde
sind  die  Mode,  die  Langeweile,  wenn  nicht  gar  Eitelkeit,  Putzsucht  und  oberflächlicher
  Sinnenkitzel  die  treibenden  Kräfte.  Von  Kunstverständnis  und  sinnigem
Kunstgenusse  ist  oft  wenig  zu  merken,  desto  mehr  von  engherziger,  absprechender,
  nicht  selten  irgendwo  abgelauschter  Kritik.  Einer  wirklichen  oder  erheuchelten,
  meist  ins  Ziellose  gehenden  Musikschwärmerei  steht  auf  der  anderen
Seite  eine  schroffe  Ablehnung  alles  Musikalischen  gegenüber,  und  gerade  der
gebildetste  Teil  unsers  Volkes  ist  es,  bei  dem  solche  Musikscheu  verhältnismäßig
  häufig  vorkommt.

Das  ist  zu  bedauern;  denn  die  Musik,  namentlich  die  Vokalmusik  (mit  oder
ohne  Instrumentation),  ist  ein  zu  wertvoller  geistiger  Besitz  unseres  Volkes,  als
daß  wir  uns  dessen  leichten  Kaufes  entäußern  dürften.  Wohl  gehört  die  Musik
nicht  zu  den  Dingen,  von  denen  Sein  oder  Nichtsein  eines  Volkes  abhängt  —
von  welchem  Zweige  der  Kunst  oder  der  Wissenschaft  könnte  man  das  überhaupt
  sagen?  —  allein  es  liegt  in  der  Musik,  d.  h.  in  der  guten  Musik,  doch
so  viel  ethische  Kraft,  daß  es  unsre  Pflicht  sein  müßte,  dieselbe  für  die  breitesten
  Schichten  des  Volkes  nutzbar  zu  machen.  „Unsre  Zeit“,  sagt  Kretzschmar’?),

1,  Jahrgang  LVIII,  S.  273f.
°)  Musikalische  Zeitfragen.  Leipzig  1908,  S.  20.

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