596  Jansen:  Der  Gesangunterricht.

„hat  keinen  Überfluß  an  Idealen  und  kann  für  ihre  Aufgaben  und  Kämpfe  sehr
gut  die  Waffen  gebrauchen,  die  die  Musik  ihr  liefert.“  Das  Volk  hat,  wie  ich
aus  Erfahrung  weiß,  in  der  Tat  eine  warme  Empfänglichkeit  für  eine  gute
Musik,  so  wie  unsre  groBen  Klassiker  sie  bieten;  es  harrt  nur  ihrer  Erschließung.

Die  Bekanntschaft  mit  den  Meisterwerken  der  musikalischen  Kunst  zu
fördern  und  dadurch  einen  geläuterten  Geschmack  und  einen  Abscheu  vor  dem
Häßlichen,  Trivialen  und  Gemeinen  wieder  als  Gemeingut  unsers  Volkes  heranzubilden,
  liegt  auch  im  Interesse  der  Kunst  selbst  und  nicht  bloß  der  musikalischen.
  „Ohne  Nachschub  aus  dem  Volke  kann  keine  Kunst  bestehen;  keine
bleibt  gesund,  wenn  sie  die  Fühlung  mit  den  Kreisen  einfacherer  Bildung  verliert“,
  sagt  Kretzschmar!),  und  er  weist  ferner  darauf  hin,?)  daß  die  Musik  es
gewesen  ist,  die  die  elende  deutsche  Poesie  zwischen  dem  Dreißigjährigen  und
dem  Siebenjährigen  Kriege  am  Leben  erhalten  und  den  spätern  Aufschwung
ermöglicht  hat.  Doch  das  läßt  sich  hier  alles  nur  andeutungsweise  berühren,
ebenso  wie  der  Anteil,  der  der  Sangeskunst  an  dem  glücklichen  Gelingen  der
Befreiungskriege  und  der  Wiedererrichtung  des  Deutschen  Reiches  zuzusprechen
ist.  „Der  Weg  des  Ohres  ist  der  gangbarste  und  nächste  zu  unserm  Herzen“
(Schiller).

Wie  steht  nun  die  Schule,  insbesondere  die  höhere  Schule,  dieser  Angelegenheit
  gegenüber?  Die  Urteile  lauten  ziemlich  hart.  „Auf  unseren  Schulen
hat  man  sich  immer  mehr  daran  gewöhnt,  die  Musik  als  das  Stiefkind  zu  betrachten“
  (Musikdirektor  Otto  Richter)’.  „Wenn  wir  die  Theorie  und  noch
mehr  die  Praxis  des  Gesanges  mit  derjenigen  anderer  Unterrichtsfächer  vergleichen,
  so  dürfen  wir  sagen,  der  Unterricht  sei  wohl  das  am  schlechtesten
bestellte  Fach  der  Schule,  ganz  vornehmlich  der  Volksschule“  (Hille).  „In  der
Zeitschrift  der  Internationalen  Musikgesellschaft  ist  wiederholt  die  Ansicht  ver-:treten
  worden,  daß  der  Gesangunterricht  an  unseren  Gyınnasien  durchschnittlich
der  Musik  mehr  schade,  als  nütze“  (Kretzschmar).*)  Der  letztgenannte  Schriftsteller
  „kann  ihn,  auch  bei  entschiedener  Mäßigung,  nicht  als  zufriedenstellend
bezeichnen“.  Doch  genug  hiervon;  ich  unterdrücke  die  Urteile  Stockhausens,
des  Engländers  John  Hullah  und  anderer.  Gerne  würde  ich  aus  Fachkreisen
auch  ein  lobendes  Zeugnis  beigebracht  haben,  aber  leider  habe  ich  keins  gefunden.5)
  Selbstverständlich  handelt  es  sich  hier  um  den  Stand  des  Gesangunterrichtes
  ganz  im  allgemeinen,  und  es  liegt  mir  durchaus  fern,  zu  verkennen,
daß  ‚es  auch  Anstalten  gibt,  die  eine  sehr  rühmliche  Ausnahme  machen.

Fragt  man  nach  den  Ursachen  des  Übels,  so  liegt  die  Antwort  nicht  fern;

——  —  DB—_—_

I)  Musikalische  Zeitfragen.  Leipzig  1908,  8.  31.

*,  Ebenda  S.  18.

®),  In  einem  Vortrage,  gehalten  zu  Eisenach.

9%  2.8.  0.S.  83.

®,  Ein  Ministerialerlaß  vom  Jahre  1885  (Beier,  8.  100)  spricht  allerdings  seine  Anerkennung
  darüber  aus,  daß  der  Gesangunterricht  auch  in  den  Klassen,  in  denen  er  fakultativ
sei,  eifrige  Teilnehmer  finde  und  die  Grundlagen  musikalischer  Ausbildung  bei  unserer
studierenden  Jugend  ausbreite.