Geschichtliches.  597

denn  jeder  Schulmann,  auch  der  unmusikalische,  braucht  nur  an  seine  eigene
Erfahrung  zu  denken.  Es  gibt  nämlich  ein  Grundübel,  von  dem  die  anderen
nur  Folgeerscheinungen  sind,  und  das  ist  die  ganz  auffallende  Gleichgültigkeit;
die  dem  Gesangunterrichte  von  Direktoren,  Lehrern,  pädagogischen  Schriftstellern
  und  von  der  großen  Menge  der  Gebildeten  entgegengebracht  wird.
Hätte  man  die  guten  Dienste  des  Gesangchores  nicht  bei  den  Schulfesten  so
unbedingt  nötig,  der  Gesangunterricht  wäre  vielleicht  schon  längst  aus  dem
Lehrplane  der  höheren  Schulen  verschwunden.

Geschichtliches.  Überaus  lehrreich  ist  ein  Rückblick  auf  frühere  Jahrhunderte,
  wo  die  Pflege  der  Musik  als  eine  nationale  Aufgabe  galt,  und  die
Bekanntschaft  mit  ihr  einen  hervorragenden  Teil  der  allgemeinen  Bildung  ausmachte.
  Dabei  will  ich  gleich  bemerken,  daß  die  Schule  der  Gegenwart  dem
Gesangunterrichte  nicht  so  viel  Zeit  zuwenden  kann,  wie  es  früher  möglich  und
nötig  war;  aber  die  Stundenzahl  ist  hier  nicht  das  Entscheidende.

Das  Mittelalter  in  seinen  engen  Beziehungen  zum  griechischen  Altertume
fühlte  sich  noch  durchdrungen  von  der  hohen  Wertschätzung,  die  die  Musik
ehedem  in  ethischer  Beziehung  überhaupt,  wie  insbesondere  auch  als  Bildungsmittel
  für  die  Jugend  genossen  hatte.  War  doch  die  Musik  bei  den  Griechen
ein  wesentlicher  Teil  der  freien  Erziehung  gewesen,  und  hatte  doch  auch  Piato
der  Anschauung  Ausdruck  verliehen,  wem  in  der  Kindheit  das  Innere  durch
die  Musik  genährt  und  geläutert  worden  sei,  der  werde  in  späterem  Alter  um
so  bereitwilliger  die  Lehren  der  Weisheit  in  sich  aufnehmen.

Der  mächtigste  Träger  musikalischer  Bestrebungen  im  Mittelalter  war
natürlich  die  Kirche.  Aus  dem  hervorragenden  Anteil,  der  im  christlichen
Gottesdienste  dem  Gemeindegesange  zugewiesen  war,  entwickelte  sich  schon  früh
eine  bestimmte  musikalische  Form,  der  sog.  Gregorianische  Choral  (nach  Papst
Gregor  dem  Großen  im  6.  Jahrh.  benannt),  von  dem  aus  alle  spätere  Musik  bis
auf  unsere  Tage  sich  entwickelt  hat.  Die  Anforderungen,  die  dieser  Gesang  an
die  Ausführenden  stellt,  sind  ja  nicht  gerade  groß;  immerhin  verlangt  er,  wenn
er  wirken  soll,  unbedingte  Reinheit  der  Tonbildung,  Geschmeidigkeit  des  Rhythmus
  und  Klarheit  des  Vortrags,  Aufgaben,  die  für  die  Anfangsperiode  nicht  zu
gering  bewertet  werden  dürfen.  Es  stiegen  aber  die  Anforderungen  in  ganz
bedeutendem  Maße,  als  etwa  im  10.  Jahrhundert  der  Kontrapunkt,  und  ein  paar
Jahrhunderte  später  die  Figuralmusik  ihre  Laufbahn  antraten.  Da  bei  den
Aufführungen  die  Schulchöre  wesentlich  mitzuwirken  hatten,  so  wuchs  mit  den
Aufgaben,  die  die  Musik  als  solche  stellte,  auch  die  Aufgabe,  welche  seitens
der  Schule  zu  bewältigen  war.

Übrigens  war  es  nicht  die  Kirche  allein,  welche  die  Dienste  der  Musik
für  sich  in  Anspruch  nahm;  auch  der  weltliche  Kunstgesang  machte  seine
Rechte  geltend;  doch  braucht  darauf  hier  nicht  weiter  eingegangen  zu  werden,
da  während  des  ganzen  Mittelalters  und  noch  darüber  hinaus  ein  musikalischer
Unterschied  zwischen  geistlicher  und  weltlicher  Musik  kaum  hervorgetreten  ist.

Wer  sich  über  die  Stellung  des  Gesanges  an  den  Schulen  des  Mittelalters
näher  unterweisen  will,  dem  sei,  wie  auch  in  bezug  auf  alles  andere,  was  den