598  Jansen:  Der  Gesangunterricht.

Schulgesang  betrifft,  das  treffliche  Werkchen  von  Dr.  Johannes  Plew,  „Didaktik
und  Methodik  des  Gesangunterrichtes“,!)  angelegenst  empfohlen.  Hier  seien
nur  einige  Schlaglichter  gegeben,  wobei  ich  zum  Teil  auf  Baumeister  zurückgehe.

„in  der  Schule  des  Mittelalters  war  der  Gesang  neben  dem  Lateinischen
das  wichtigste  Fach,  die  Musik  gehörte  zu  den  artes  liberales  und  ihre  Bewältigung
  war  zur  Erlangung  der  Magisterwürde  erforderlich.“  Aber  nicht  nur
die  Theologen  und  die  Lehrer  mußten  musikverständig  sein;  auch  die  künftigen
Juristen  und  Mediziner,  die  ihre  Studien  in  der  facultas  artium  zu  beginnen
hatten,  mußten  einen  Kursus  in  der  Musik  erledigen.  Die  Reformation  hat  an
dieser  Sachlage  wenig  geändert;  ausdrücklich  hat  Luther  verlangt,  „daß  die
katholische  Kirchenmusik  aus  der  evangelischen  Kirchenmusik  nicht  verbannt
werde“,  und  so  bleibt  es  dabei,  daß  auch  in  den  Schulen,  nicht  bloB  in  den
katholischen,  „die  Werke  der  alten  Meister  bis  ins  17.  Jahrhundert  den  ersten
Platz  einnehmen“.

„Am  deutlichsten  spiegeln  sich  die  damaligen  Anschauungen  über  den
Wert  des  Gesanges  für  die  gesamte  Jugenderziehung  in  den  Schalordnungen
jener  Zeit  wider.  Wie  eine  Girlande  schlingt  sich  der  Gesang  durch  die
Arbeit  des  ganzen  Schultages;  jede  Stunde  wird  mit  Gesang  begonnen,  die
letzte  auch  damit  geschlossen;  täglich  ist  eine  besondere  Gesangstunde,  wo  die
Schüler  „artem“.  lernen  und  die  Kirchengesänge  einüben.  Der  Kantor  nimmt
nächst  dem  Rektor  und  Subrektor  die  höchste  Stellung  im  Kollegium  ein.  Er
soll  sein  „ein  gelehrter  Musikus,  doch  auch  in  den  anderen  Künsten  (artes
liberales)  gelehrt“,  mit  anderen  Worten:  er  war  akademisch  gebildet,  oft  auch
promoviert  und  einer  der  ersten  wissenschaftlichen  Lehrer  der  Anstalt.

„Den  einstimmigen  Choralgesang,  und  zwar  nach  Noten,  mußten  alle
Schüler  lernen,  und  zu  diesem  Zwecke  mußten  allen  die  musikalischen  Elemente
(die  Töne,  Noten,  Schlüssel,  Tonarten)  wohl  eingeprägt  werden,  was  damals
viel  schwieriger  war,  als  heute.  Diejenigen  aber,  welche  durch  Stimme  und
Gehör  hervorragten,  wurden  Mitglieder  der  Kantorei,  d.  h.  des  Chores,  welchem
die  Pflege  des  Figuralgesanges  zufiel.  So  erreichte  der  Schulgesang  im  17.  Jahrhundert
  zugleich  mit  der  Vokalmusik  seinen  Höhepunkt.“

Von  dieser  Höhe  ging  es  im  17.  Jahrhundert  schnell  abwärts.  Der  Dreißigjährige
  Krieg  mit  seinem  unermeßBlichen  Elende  ließ  in  den  breiten  Schichten
des  Volkes  den  frischen  fröhlichen  Gesang  verstummen,  und  in  den  eigentlich
musikalischen  Kreisen  wandte.  sich  das  Interesse  der  Instrumentalmusik  zu,  der
es  gelungen  war,  sich  aus  ihrer  dienenden  Stellung  der  Vokalmusik  gegenüber
zu  befreien  und  zu.  einem  selbständigen  Kunstzweige  emporzuarbeiten.  Der
Rückschlag  auf.die  Schule  blieb  nicht  aus:  im  Anfange  des  18.  Jahrhunderts
nimmt  der  Gesanglehrer  oft  die  letzte  Stelle  im  Lehrerkollegium  ein  und  hat
nur  noch  die  Aufgabe,  die  für  die  Schulandachten  und  den  Sonntagsgottesdienst
nötigen  Choräle  einzutiben,  wozu  besondere  musikalische  Kenntnisse  nicht  mehr

1)  Artikel  „Gesangunterricht“  in  Baumeister,  Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre
  für  höhere  Schulen;  außerdem  als  Sonderausgabe.  München  1896.