Geschichtlichen.  599

erforderlich  sind;  seine  Hauptverpflichtung  besteht  in  der  Erteilung  von  Lese-,
Schreib-  und  Rechenunterricht,  wie  es  auch  heutzutage  noch  der  Fall  ist.  „Als
obligatorischer  Gegenstand  verschwindet  der  Gesang  in  der  2.  Hälfte  des
18.  Jahrhunderts“;  an  manchen  Schulen  scheint  er  vollständig  eingeschlafen  zu  sein.

Ein  Segen  war  es,  daß  nach  den  Wirrnissen  des  großen  Krieges  die  Sangeslust
  im  Volke  allmählich  wieder  zum  Durchbruche  kam.  Der  angeborene  Trieb
und  die  jahrhundertelange  Gewohnheit  war  selbst  durch  die  schlimmsten  Zeitereignisse
  nicht  ganz  zu  unterdrücken  gewesen.  Das  deutsche  Lied  erklang
wieder  „in  der  Werkstatt,  in  der  Spinnstube,  auf  der  Tenne,  in  Wald  und
Feld“  (Kretzschmar).  Neue  Nahrung  gaben  die  politischen  Verhältnisse  im
Anfange  des  19.  Jahrhunderts,  und  wenn  auch  die  Schule  noch  versagte,  so
entstanden  doch  an  den  Universitäten  die  akademischen  Liedertafeln,  im  Bürgertume
  die  Männergesangvereine  als  spezifisch  deutsche  Schöpfungen.  Die  Lieder
aus  „Leier  und  Schwert“  scheinen  hier  einen  sehr  wirksamen  Einfluß  ausgeübt
zu  haben.  Auch  volkstümliche  Opern  lieferten  für  groß  und  klein  reichen
Stoff  an  leicht  sangbaren  Weisen,  die  Gitarre  als  bequem  zu  handhabendes
Begleitinstrument  fand  sich  in  jeder  Bürgerwohnung  und  auf  jedem  Junggesellenzimmer.
  Leider  marterte  die  Drehorgel  die  schönen  Melodien  zu  Tode,
und  seitdem  „in  jedem  Hause  ein  Klimperkasten“  aufgestellt  ist,  und  jedes  Kind
bei  der  Ungnade  seiner  Mutter  es  wenigstens  bis  zum  „Gebet  einer  Jungfrau“
bringen  muß,  hat  sich  der  Gesang,  wenigstens  der  allgemeine  Volks-  und
Familiengesang  wieder  sehr  in  den  Hintergrund  drängen  lassen:  die  „Instrumentalmusik“
  (sit  venia  verbo)  hat's  ihm  angetan.  Es  ist  erstaunlich,  wie  wenig
wirklich  schöne  Lieder  unsre  Jugend  noch  kennt,  und  auch  der  Kirchengesang
klingt  oft,  recht  oft  nichts  weniger  als  erbaulich.

Aber  je  mehr  der  Gesang  in  seinem  Urquell,  in  der  Brust  des  Volkes  zu
versiegen  droht,  desto  mehr  muß  die  Schule  es  als  ihre  Aufgabe  betrachten,
hier  helfend  einzugreifen.  „Der  Gesangunterricht  in  den  Schulen  ist  nicht  bloß
eine  musikalische  Zeitfrage,  er  ist  eine  allgemeine  Kulturfrage.“')  Hier  Wandel
zu  schaffen,  sollte  eigentlich  gar  nicht  so  schwer  sein.  Schon  vor  gut  100  Jahren
ist  der  Anstoß  zur  Besserung  gegeben  worden;  nur  hat  bis  dahin  die  Kraft
und  die  Lust  gefehlt,  die  von  den  Behörden  in  richtiger  Erkenntnis  der  Sachlage
  geschaffenen  Verhältnisse  nachhaltig  auszunutzen.

Die  kurz  nach  Mozarts  Tode  als  Gegengewicht  gegen  die  Hegemonie  der
reinen  Instrumentalmusik  gegründete  Berliner  Singakademie,  die  die  Pflege  der
strengen  Vokalmusik  auf  ihre  Fahne  geschrieben  hatte,  hat  auch  auf  die  Wiederbelebung
  des  Schulgesanges  günstig  eingewirkt.  Die  von  ihr  „gegebene
Anregung  führte  zunächst  Berliner  Gymnasien,  allen  voran  das  Graue  Kloster,
dazu,  wieder  einen  geordneten  Gesang  im  Unterrichte  einzuführen  (1808)“.”)
Bald  erscheint  der  Gesangunterricht  auch  wieder  in  dem  Lehrplan  der  übrigen
preußischen  Gymnasien,  und  der  Normallehrplan  vom  Jahre  1837  weist  ihm  sogar

1)  Kretzschmar,  a.  a.  O.  S.  31.
2,  Plew,  a.  a.  0.8.8.