Methodisches.  601

und  mit  dem  übrigen  Unterrichte,  wo  dies  angängig  ist,  in  gehörige  Verbindung
gesetzt,  vermag  der  Gesangunterricht  zur  körperlichen  und  geistigen  Ausbildung
schätzenswerte  Beiträge  zu  liefern.  Die  Ausbildung  des  Atmungs-,  Sprech-  und
Stimmapparates  als  Ergänzung  des  Turnunterrichts,  die  Entwickelung  des  Gehörsinnes
  in  bezug  auf  den  Klang  der  Vokale  und  Konsonanten,  auf  Tonhöhe,
Tonstärke  und  Rhythmus,  die  Unterstützung,  die  hieraus  dem  deutschen  und
fremdsprachlichen  Unterrichte  zuteil  wird,  die  Einführung  in  die  Schatzkammer
unserer  Choräle,  Volks-  und  Vaterlandslieder,  die  Anregung  des  ästhetischen
Empfindens  bei  den  Schülern  der  unteren  Klassen,  des  ästhetischen  Urteils  bei
denen  der  oberen,  die  Bekanntmachung  mit  einzelnen  Schöpfungen  unserer
großen  Tondichter,  die  gesamte  ethische  Einwirkung,  die  von  der  Musik  ausgeht:
  das  alles  sind  Dinge,  die  den  Gesangunterricht  einer  angesehenen  Stellung
im  Gesamtorganismus  der  Schule  wert  erscheinen  lassen.  Hier  können  nur
diese  Stichwörter  gegeben  werden;  wer  sich  näher  unterrichten  will,  dem  seien
die  unten  angegebenen  Schriften  empfohlen.!)

Methodisches.  Der  Gesangunterricht  zerfällt  an  den  höheren  Schulen
naturgemäß  in  zwei  Teile,  in  den  Unterricht  der  unteren  Klassen  und  die  Chorübungen.
  Daß  der  Unterricht  auf  die  Kenntnis  von  Noten,  Intervalle,  Rhythmen,
  kurz  auf  klare  Tonbegriffe,  nicht  auf  das  Singen  nach  dem  Gehöre  gestützt
  sein  muß,  darüber  ist  längst  kein  Zweifel  mehr;  daß  gleich  von  der
ersten  Stunde  an  der  Unterricht  auf  diese  Grundlage  gestellt  werde,  ist  um  so
selbstverständlicher,  als  schon  in  der  Volksschule  eine  allmähliche  Einführung
in  das  Notenlesen  und  das  Singen  nach  Noten  verlangt  wird.  Man  lasse  die
Schüler  häufig  einzeln  singen;  in  besetzten  Klassen  ist  das  mit  Schwierigkeiten
verbunden,  dient  aber  sehr  den  Interessen  des  Unterrichts  (Körperhaltung,  Aussprache,
  Mundstellung,  Tonbildung,  Atmung  u.  a.)  und  ist  auch  aus  sanitären
Gründen  zu  empfehlen.  Bezüglich  der  Pfiege  der  Stimmregister,  der  Mutation
und  ähnliches  sei  hier  auf  das  Schriftchen  von  P.  Clericus,  „Wie  erhalten  wir
unsern  Kindern  die  schöne  Stimme?“  verwiesen?)  Mit  den  Unterweisungen
über  die  musikalischen  Grundbegriffe  muB  in  den  unteren  Klassen  die  Behandlung
  der  Lieder  organisch  verbunden  sein.  Dieselben  müssen  als  Anwendung
des  im  allgemeinen  Unterrichte  Gelernten  sich  ergeben  und  auch  dem  Texte
nach  gehörig  verstanden  werden.  Die  Einführung  in  den  Text  kann  dem  deutschen
  Unterrichte  überwiesen  werden.  Von  der  Geige  werde  nur  zurückhaltender
Gebrauch  gemacht;  jetzt  wütet  sie,  um  mit  Kretzschmar  zu  reden,’)  wenn  es
an  das  Einüben  von  Liedern  geht,  immer  noch  voran  und  dazwischen.

ı)  J.  Klassert,  Die  Musik  als  Erziehungsmittel.  Mainz  1896.  Progr.  Nr.  648.  —
W.  Jansen,  Die  Ausbildung  des  ästhetischen  Urteils  im  Gesangunterricht  der  höheren  Lehranstalten,
  Essen  1896.  Progr.  Nr.  488.  —  Karl  Schmidt,  Beiträge  zur  rationelleren  Gestaltung
  des  Gesangunterrichts  an  den  Gymnasien.  Laubach  1898.  Progr.  Nr.  668.  —
R.  Dornheckter,  Der  Gesangunterricht  an  höheren  Lehranstalten.  Stralsund  1880.  Progr.
Nr.  117.  —  Küffner,  Die  Musik  in  ihrer  Bedeutung  und  Stellung  an  den  Mittelschulen.
Berlin-Gr.-Lichterfelde  1906.  Ch.  F.  Vieweg.

#)  Halensee  bei  Berlin,  Grunewaldbuchhandlung  1908.

®)  a.8.  0.8.  29.