602  Jansen:  Der  Gesangunterricht.

Manchen  Schülern  der  unteren  Klassen  ist  es  wegen  mangelhafter  Beschaffenheit
  ihrer  Stimmwerkzeuge  leider  unmöglich,  die  praktischen  Gesangübungen
  mitzumachen;  nichtsdestoweniger  sollen  sie  dabei  zuhören  und  sich
an  dem  theoretischen  Unterrichte  voll  beteiligen,  teils  ihrer  Allgemeinbildung
wegen,  teils  weil  der  Fehler  sich  im  Laufe  der  Jahre  oft  vermindert.  „Die
Erfahrung  zeigt,  daß,  je  weiter  die  Schüler  in  wissenschaftlicher  Hinsicht  fortschreiten,
  desto  geringer  die  Zahl  der  &amp;uovooı  wird.“!)

Wenn  der  Gesangunterricht  der  Unterklassen  sich  seiner  Aufgabe  gewachsen
zeigt,  so  bildet  er  die  natürliche  Vorbereitung  für  den  Chorgesang.  Zwar
können  zu  den  Chorübungen  nur  die  stimmbegabteren  Schüler  herangezogen
werden;  trotzdem  kann  der  Chor  zur  ästhetischen  Bildung  der  Gesamtheit  beitragen,
  wenn  von  Zeit  zu  Zeit  den  übrigen  Schülern  Gelegenheit  gegeben  wird,
den  Vorträgen  des  Chores  zu  lauschen.  Handelt  es  sich  dabei  um  hervorragendere
  Werke  oder  größere  Abschnitte  aus  solchen,  so  empfiehlt  sich  eine
vorgehende  Besprechung  in  den  einzelnen  Klassen  in  einer  dem  Standpunkte
derselben  angemessenen  Weise.  Natürliche  Gelegenheiten  bieten  die  Schulfeste,
die  sich  dadurch  auch,  was  den  gesanglichen  Teil  angeht,  organisch  in  den
Lehrplan  der  Schule  einfügen.

Wie  hoch  die  Aufgaben  sind,  die  dem  Chore  gestellt  werden  dürfen,  das
läßt  sich  allgemein  nicht  sagen;  denn  es  hängt  von  der  Klassen-  und  Schülerzahl,
  von  der  musikalischen  Beanlagung  der  Schüler,  von  der  Befähigung  des
Lehrers  und  auch  etwas  von  dem  musikalischen  Leben  des  Schulortes  ab.  Das
mehrstimmige  Lied  muß  jedenfalls  allerorten  gepflegt  werden;  daneben  aber
liegen  auch  manche  Chöre  von  Palestrina,  Bach,  Händel,  Haydn  und  ähnliches
durchaus  noch  im  Rahmen  der  Schule?)  und  bilden  eine  kostbare  Mitgift  für
das  Leben.

Lehrmittel.  An  Hilfsmitteln  für  den  Gesangunterricht  ist  kein  Mangel;
die  Zahl  der  Leitfäden  für  den  Unterricht  in  den  unteren  Klassen,  noch  mehr
die  der  Liedersammlungen  für  den  Klassenunterricht  und  den  Chor  ist  übergroß.
  Das  amtliche  Verzeichnis  der  an  den  höheren  Lehranstalten  Preußens
eingeführten  Lehrbücher  von  Dr.  Horn  (1901)  enthält  allein  schon  149  einschlägige
  Nummern.  Leider  hält  die  Qualität  mit  der  Quantität  nicht  gleichen
Schritt.  Eine  Zusammenstellung  von  methodischen  Schriften,  die  für  die  Hand
des  Lehrers  bestimmt  sind,  findet  sich  in  Wieniewski,  „Präparationen  zum  Gesangunterrichte
  in  den  Volksschulen“?  Methodischen  Zwecken  dienen  ferner
die  Schulprogramme  Sprottau  1876  Progr.  Nr.  175,  Ratibor  1893  Progr.  Nr.  220,
Laubach  1898  Progr.  Nr.  668*)  und  Wandsbeck  1903  Progr.  Nr.  333.  Allgemein
bekannt  und  beliebt  ist  das  „Hilfsbüchlein  beim  Gesangunterrichte  in  den

1)  Eickhoff,  a.  a.  0.  S.  276.

”,  Vgl.  Schmidt,  a.  a.  O.S.  21f.  und  Todt,  Vademekum  durch  die  Bachschen  Kantaten.
  Essen  1895,  Progr.  Nr.  452.

5,  Heiligenstadt,  F.  W.  Cordier  1901.

%  Die  schon  erwähnte  Arbeit  von  Dr.  Schmidt.