Lehrerfrage.  603

unteren  Klassen  höherer  Lehranstalten“  von  Heinr.  Bellermann');  sehr  empfohlen
wird  auch  die  „Praktische  Gesanglehre  für  Schulen“  von  Theod.  Salzmann?).
Die  Lehrerfrage.  Als  im  vorigen  Jahrhundert  der  Gesangunterricht
wieder  als  obligatorischer  Gegenstand  in  den  Lehrplan  der  höheren  Schulen
einrückte,  da  fehlte  es  zunächst  an  einem  klaren  Lehrziele,  an  jedweder  Methode
und  vor  allem  an  geschulten  Lehrern.  Die  Lehrerfrage  ist  auch  heute  noch
nicht  gelöst:  Der  Gesangunterricht  ist  bei  der  überwiegenden  Zahl  der  höheren
Schulen  in  die  Hände  von  seminaristisch  gebildeten  Lehrern  gelegt,  und  da
man  keinen  Grund  hat,  an  dem  Eifer  und  der  Pflichttreue  dieser  wackeren
Männer  zu  zweifeln,  so  ist  es  erklärlich,  wenn  man  den  Tiefstand  des  Gesangunterrichts
  auf  die  Bildungsstätten  der  Schulgesanglehrer,  auf  die  Lehrerseminarien,
  hat  zurückführen  wollen.  Dagegen  wehren  sich  selbstredend  die  Seminarlehrer;
  so  Wieniewski,  obwohl  er  das  Vorhandensein  des  Übels  keineswegs
leugnet  und  sogar  auf  das  harte  Wort  Hilles  (vgl.  8.596)  hinweist,  daß  der
Gesangunterricht  das  am  schlechtesten  bestellte  Fach  der  Schule  sei.  Es  darf
nun  nicht  verkannt  werden,  daß  es  viele  Seminarlehrer  gegeben  hat  und  noch
gibt,  die  als  wirkliche  Meister  ihres  Faches  auch  wieder  tüchtige  Lehrer  des
Gesanges  für  die  niederen  und  höheren  Schulen  ausgebildet  haben.  Allein  wenn
in  einem  amtlichen  Berichte  vom  Jahre  1872?)  gesagt  wird,  daß  von  76  ordentlichen
  Musiklehrern  an  den  Königl.  Seminarien  Preußens  (die  außerordentlichen
sind  dort  nicht  berücksichtigt)  72  seminaristisch  gebildet  sind,  und  im  ganzen
nur  29  und  einige  musikalischen  Unterricht  an  einem  Musikinstitute  genossen,
alle  anderen  aber  sich  durch  Privat-  und  Selbststudium  fortgebildet  haben,
wenn  ferner  in  einem  Ministerialerlasse  aus  dem  Jahre  1878)  gerügt  wird,
daß  von  einem  Seminare  zwei  Drittel  sämtlicher  Zöglinge  vom  Klavier-  und
Orgelspiel  dispensiert  seien,  und  daß  auch  an  anderen  Seminarien  Dispensationen
vom  Musikunterrichte  in  einem  nicht  zu  rechtfertigenden  Umfange  stattfänden,
wenn  endlich  noch  in  einem  Ministerialerlasse  vom  Jahre  1895°)  beklagt  wird,
daß  an  Schullehrerseminarien  der  Unterricht  in  der  Musik  auch  bei  nur  zeitweiligem
  Ausfall  des  Fachlehrers  häufig  nicht  oder  nicht  ordnungsmäßig  hätte
erteilt  werden  können,  dann  hat  doch  die  höhere  Schule  ein  hervorragendes
Interesse  daran,  daß  diese  Übelstände  tunlichst  beseitigt  werden.  Plew  geht
allerdings  noch  weiter;  er  sagt,°)  daß  der  Seminarunterricht,  der  doch  vorzugsweise
  für  Kirchenmusik  und  Gesangunterricht  vorbereiten  wolle,  grundsätzlich
falsche  Bahnen  wandle,  indem  hier  die  Harmonielehre  als  A  und  O  musikalischer
  Weisheit  gelte,  wodurch  in  Wahrheit  aller  tieferen.  musikalischen  Einsicht
  die  Wege  verbaut  würden.  Aus  meiner  persönlichen  Erfahrung  möchte
ich  noch  hinzufügen,  daß  es  bei  der  Besetzung  von  Stellen  überaus  schwer
hält,  seminaristisch  gebildete  Lehrer  zu  finden,  die  es  sich  zutrauen,  die  Leitung

1)  Berlin,  Springer.  14.  Aufl.  1893.

?,  Leipzig  1904.

®)  Zentralbl.  für  die  ges.  Unterrichteverwaltung  1872,  S.  86.
%,  Ebend.  1878,  8.  618.

&amp;\  8.8.  0.8.  20.