604  Jansen:  Der  Gesangunterricht.

des  Schulgesanges,  insbesondere  des  Gesangchores  zu  übernehmen.  Zum  Teil
mag  sich  das  allerdings  daraus  erklären,  daß  die  musikalisch  begabteren  sich
lieber  dem  Kantor-  und  ÖOrganistendienste  zuwenden.

Zurzeit  gibt  es  nur  ganz  vereinzelte  Schulen,  an  denen  akademisch  gebildete
  Lehrer  an  der  Erteilung  des  Gesangunterrichtes  mitwirken.  Hier  ist
ein  zweiter  Punkt,  von  wo  aus  die  Lösung  der  Lehrerfrage  iu  Angriff  genommen
werden  könnte.  „Der  Gesangunterricht  an  höheren  Lehranstalten  ist  ein  durchaus
  jedes  wissenschaftlich  gebildeten  Lehrers  würdiges  Fach,  dessen  Ausfüllung
neben  der  erforderlichen  Begabung  eine  allseitige  feine  Bildung  erheischt,
dessen  unmittelbare  Einwirkung  auf  Geist  und  Gemüt  der  Zöglinge  —  die
Kenner  des  Altertums  -wissen  das  ja  —  bei  richtiger  Führung  von  keinem
anderen  Schulfache  übertroffen  werden  dürfte.“!)  So  Baumeister  in  der  Vorbemerkung
  zu  der  mehrfach  erwähnten  Abhandlung  von  Joh.  Plew.

Der  Gedanke,  die  akademisch  gebildeten  Lehrer,  wie  es  früher  gewesen
ist,  zur  Erteilung  des  Gesangunterrichtes  heranzuziehen,  ihnen  insbesondere  die
Leitung  des  Chorgesanges  zu  übertragen,  gewinnt  immer  mehr  Anhänger;  wir
begegnen  ihm  in  den  Schriften  von  Plew?),  Karl  Schmidt?),  Dornheckter*),
W.  Jansen®)  und  Kretzschmar®),  in  Zeitschriften  („Zeitschrift  der  Internationalen
Musikgesellschaft“  und  „Kunstwart“)  und  auf  Direktorenversammlungen;  auch
auf  dem  zweiten  Kunsterziehungstage  1903  in  Weimar  ist  er  von  Prof.  Rud.
Lehmann  im  Zusammenhange  mit  der  Behandlung  des  dichterischen  Kunstwerkes
  auf  der  Schule  gestreift  worden.)  Wenn  die  Sache  nach  den  oben
angeführten  Worten  Baumeisters  noch  einer  Begründung  bedarf,  so  liegt  sie
in  der  Notwendigkeit,  daß  der  Chorleiter  erstens  über  eine  gründlichere  Fachbildung
  verfüge,  als  das  Seminar  sie  geben  kann,  und  daß  zweitens  seine
Autorität  auch  den  Schülern  der  obersten  Klassen  gegenüber  unbedingt  feststehe,
  was  man  eher  erwarten  darf,  wenn  der  Chorleiter  auf  derselben  Höhe
der  Allgemeinbildung  steht,  wie  die  übrigen  Lehrer  der  Oberklassen,  und  wenn
er  auch  an  dem  wissenschaftlichen  Unterricht  der  Anstalt,  namentlich  der  Oberklassen,
  beteiligt  ist.  Trotzdem  ist  es  nicht  meine  Meinung,  daß  der  seminaristisch
  gebildete  Lehrer  als  solcher  unter  allen  Umständen  von  der  Chorleitung
  auszuschließen  se.  Nicht  auf  Rang  und  Titel  kommt  es  hier  an,
sondern  einzig  darauf,  daß  der  Lehrer  seiner  ganzen  Persönlichkeit  nach  eindringlich
  und  nachhaltig  auch  auf  die  reiferen  Schüler  einzuwirken  versteht.

Die  Möglichkeit  zur  Erlangung  der  nötigen  Vorbildung  ist  den  musikalisch
beanlagten  Studierenden  auf  den  deutschen  Universitäten,  wenn  auch  vielleicht
nicht  auf  allen,  bis  zu  einem  gewissen  Grade  gegeben;  wünschenswerte  Verbesserungen
  liegen  im  Bereiche  der  Möglichkeit.  Wäre  es  zu  erreichen,  daß  eine
Lehrbefähigung  im  Gesange  seitens  der  Schulverwaltung  gebührend  gewürdigt  würde
undden  Kandidaten  bei  der  Erlangung  einer  Oberlehrerstelle  von  Nutzen  sein  könnte,

1)  Erz.-  u.  Unt.-Lehre  ea.  a.  0.  S.  2.

2.8.20.  8.7.  8.19.  5,  8.6.  °)  8.  86.

?)  Kunsterziehung.  Ergebnisse  und  Anregungen  des  2.  Kunsterziehungstages.  Leipzig
1904,  8.  151.