Lehrerfrage.  605

so  würde  in  nicht  zu  langer  Frist  ein  Stamm  tüchtiger  Chorleiter  sich  schon  heranbilden.
  Paul  Henkel  hat  gegenüber  einem  Artikel,  den  ich  in  der  „Monatsschrift
  für  höhere  Schulen“  veröffentlichte,!)  das  Bedenken  geäußert,  auch  dem
Öberlehrer,  der  außer  der  technischen  Fertigkeit  auf  dem  Klavier  sich  die
nötigsten  Kenntnisse  der  Harmonielehre  und  der  Musikgeschichte  verschafft
habe,  würde  keine  Zeit  zu  gründlichen  Gesangstudien  bleiben,  und  er  würde
in  dieser  Beziehung  such  nur  dilettieren.?)  Ich  denke,  wer  auf  der  Universität
seine  Studien  ganz  nach  Anlage  und  Neigung  einrichten  kann,  hat  schon  dadurch
  einen  ganz  erheblichen  Vorsprung  vor  demjenigen,  der  auf  dem  Seminar
eine  durchaus  gebundene  Marschroute  befolgen  muß;  dann  aber  handelt  es
sich  bei  der  Schule  gar  nicht  um  Berufsmusiker,  so  wenig  wie  um  berufsmäßige
Gelehrte,  sondern  einzig  um  Männer,  die  dem  Unterrichtsbedürfnisse  gewachsen
sind.  Die  Unterrichtsverwaltung  hat  seit  einer  Reihe  von  Jahren  damit  begonnen,
  geeigneten  Lehrpersonen  den  Aufenthalt  in  Ländern  fremder  Zunge,
die  Teilnahme  an  Ferienkursen  aller  Art,  den  Besuch  der  Zentralturnanstalt
oder  einer  Kunstgewerbeschule  zu  ermöglichen,  was  der  Schule  reichen  Nutzen
bringt.  Man  dehne  diese  Fürsorge  auch  auf  das  musikalische  Gebiet  aus  und
lasse  musikalisch  veranlagte  und  genügend  vorgebildete  Lehrer,  aber  keineswegs
bloß  Elementarlehrer,.  wie  Henkel  meint,  an  zweckmäßig  eingerichteten  Hochschulkursen
  teilnehmen;  der  Erfolg  wird  nicht  ausbleiben.

Was  ich  über  den  Gesangunterricht  an  unseren  höheren  Schulen  zu  sagen
hatte,  mußte  gemäß  der  Anlage  dieses  Buches  auf  wenige  Seiten  zusammengedrängt
  werden.  Daher  konnten  die  wesentlichsten  Punkte,  auf  die  es  heutzutage
  ankommt,  nur  kurz  berührt,  aber  nicht  eingehend  besprochen  werden;
manch  wichtige  Seite  des  Gesangunterrichtes  aber  mußte  ganz  unberücksichtigt
bleiben.  Möchten  nichtsdestoweniger  diese  bescheidenen  Zeilen  dazu  beitragen,
dem  Gesangunterrichte  neue  Freunde  zu  erwerben,  damit  der  Jungbrunnen  der
Kunst,  von  Polyhymnias  Händen  kredenzt,  wieder  mehr,  als  bisher,  seine  heilbringende
  Wirkung  an  unserer  Jugend  und  unserm  Volke  bewähre  „Die
Kunst  ist  und  bleibt  jung,  und  wer  sich  mit  der  Kunst  beschäftigt,  der  wird
immer  wieder  verjüngt  werden“.°)

1)  Jahrg.  I,  S.  A14ff.  „Zur  Förderung  des  Chorgesanges‘'.

7)  Ebend.  Jahrg.  II,  S.  157  ff.

®)  Aus  den  Begrüßungsworten  des  Vertreters  des  bayerischen  Kultusministeriums,  Gymnasialdirektors
  Nicklas,  auf  dem  2.  Kunsterziehungstage.  A.a.  0.8.  18.