606  Wrrpe:  Turnen.

TURNEN.')

Von  Dr.  Epuarp  WeEEDE.

Der  erste,  der  die  von  Plato  aufgestellte  Erziehungsforderung,  Körper  und
Geist  seien  gleichmäßig  zu  bilden,  im  Bereich  der  Schulerziehung  praktisch  zur
Geltung  brachte,  war  Basedow.  Was  von  ihm  in  Dessau  begonnen  war,
entwickelte  GutsMuths,  ans  Altertum  sich  anschließend,  in  Schnepfenthal
zu  frischer  Blüte;  er  lieferte  auch  in  seiner  "Gymnastik  für  die  Jugend’  1793
das  erste  Turnübungsbuch.  Von  ihm  befruchtet,  hat  Jahn  die  Leibesübungen,
indem  er  sie  dem  Einfluß  der  Antike  entzog  und  aus  dem  Kreise  der  Jugenderziehung
  in  der  Schule  heraushob,  zu  einem  Erziehungsmittel  des  ganzen
Volkes  in  nationalem  Sinne,  insbesondere  zum  Zwecke  der  Wehrhaftmachung,
gestaltet.  Das  Turnen  an  den  Geräten  mit  seinen  zahlreichen  Übungsformen
verdankt  seinen  Ursprung  ihm  und  seinen  Mitarbeitern,  besonders  Friesen
und  Eiselen.  Die  Staatsmänner,  die  Preußens  Wiedergeburt  leiteten,  hatten
den  Wert  des  Turmens  wohl  erkannt;  aber  die  politischen  Verhältnisse  vereitelten
  ihre  Absicht,  es  als  Unterrichtsgegenstand  in  die  Schule  aufzunehmen.
Während  in  Süddeutschland  und  in  einigen  kleineren  nord-  und  mitteldeutschen
Staaten  auch  für  die  Schulen  Turnanstalten  eingerichtet  wurden,  entwickelte
sich  in  Preußen  das  Turnen  seit  1819  während  der  “Turnsperre’  im  verborgenen
  und  wurde  von  den  höheren  Schulen  ängstlich  ferngehalten,  obwohl
die  Schüler  bei  der  Steigerung  der  geistigen  Anforderungen  eines  Ausgleiches
dringend  bedurften.  Erst  gegen  Ende  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms  III.
wurden  in  einzelnen  Schulen  ‘gymnastische  Übungen’  wieder  gestattet,  und  ein
1836  erschienener  Aufsatz  des  Medizinalrats  Lorinser  in  Oppeln  ‘Zum  Schutze
der  Gesundheit  in  den  Schulen’  führte  nach  umfangreichen  Ermittlungen  zu
einer  die  Einführung  der  Gymnastik  in  den  Schulbetrieb  empfehlenden  Erklärung
  der  preußischen  Regierung.  Am  6.  Juni  1842  erschien  dann  die
Kabinettsorder  Friedrich  Wilhelms  IV.,  welche  die  Leibesübungen  als
einen  notwendigen  und  unentbehrlichen  Bestandteil  der  männlichen  Erziehung
förmlich  anerkannte.  Die  näheren  Einführungsbestimmungen,  in  einen  MinisterialerlaßB
  von  1844  veröffentlicht,  zur  Verwirklichung  zu  bringen,  wurde  MaßBmann
  aus  München  berufen;  aber  sein  Versuch,  das  Jahnsche  Turnen  mit
seiner  Selbstregierung  durch  Vorturner  und  Anmänner  unabhängig  von  der
Organisation  der  Schule  bei  der  Schuljugend  zur  Anwendung  zu  bringen,  miBlang
  ebenso  wie  der  seines  Nachfolgers  Rothstein,  der  an  die  Stelle  des

ı)  Die  nachfolgende  Darstellung  wurde  Ende  1904  abgeschlossen;  nur  Einzelheiten,
besonders  Literaturangaben,  konnten  nachträglich  hinzugefügt  werden.