Geschichte.  607

‘empirischen’  Jahnschen  Turnens  die  ‘rationelle’,  d.  h.  auf  der  anatomischphysiologischen
  Einrichtung  des  Körpers  vernunftgemäß  aufgebaute  schwedische
Gymnastik  zu  setzen  versuchte.  Ihm  gegenüber  behaupteten,  von  der  frisch
aufblühenden  Deutschen  Turnerschaft  aufs  nachdrücklichste  befürwortet,
die  Übungen  der  Jahnschen  Schule  das  Feld;  vielfach  auch  erfolgte  im  Jahnschen
  Geiste  die  Organisation  der  turnenden  Schülerschaft  als  Turngemeinde.
Daneben  aber  verbreitete  sich  von  der  Schweiz  und  von  Hessen  her  das  von
Spieß  entworfene  System;  einen  Versuch  Pestalozzis  wieder  aufnehmend,  erschloß
  dieser  in  einer  lückenlosen  Zusammenstellung  der  Bewegungsmöglichkeiten
  des  Körpers  eine  unerschöpfliche  Quelle  für  den  Turnstoff  und  empfahl
sein  System  durch  besondere  Betonung  der  ohne  Geräte  als  “Freiübungen’  ausführbaren
  Bewegungen,  sowie  der  den  Schulaufgaben  Zucht  und  Ordnung  offensichtlich
  gerecht  werdenden  “Ordnungsübungen’,  ganz  besonders  aber  durch  die
Möglichkeit,  eine  große  Anzahl  von  Schülern  gleichzeitig  unter  einheitlicher
Leitung  des  Lehrers  in  einem  der  sonstigen  Schulorganisation  entsprechenden
‘Klassenturnen’  zu  beschäftigen.  Durch  Waßmannsdorffs  und  J.  C.  Lions
erläuternde  Schriften  eingeführt,  verbreitete  sich  das  Spießsche  Turnen  in  den
Schulen  aller  deutschen  Staaten,  und  seiner  Betriebsweise  als  ‘Gemeinturnen’
mußte  sich  allmählich  auch  das  Jahnsche  Gerätturnen  unterwerfen.  In  den
vierziger  und  fünfziger  Jahren  faßte,  teils  in  der  freieren  Jahnschen  Form,  teils
in  der  gebundeneren,  schulgemäßeren  Weise  Spießens,  das  Turnen  in  den  höheren
Schulen  Deutschlands  festen  Fuß,  anfangs  mit  wahlfreier  Beteiligung  der  Schüler.')
Verbindlich  wurde  der  Turmunterricht  zuerst  im  Königreich  Sachsen  1846,  in
den  übrigen  größeren  Staaten  erst  in  den  sechziger  Jahren  (in  Preußen  und
Bayern  1860,  Württemberg  1863,  Baden  1868).  Der  Spießsche  Turnbetrieb  mit
seiner  einheitlichen  Leitung  nicht  allzu  großer,  auf  einer  verhältnismäßig  kleinen
Fläche  aufstellbarer  Schülermassen  erleichterte  die  Einführung  des  Winterturnens
  in  nicht  allzukostspieligen,  weil  verhältnismäßig  kleinen  Turnhallen;
besonders  seitdem  hervorragende  Gerätetechniker,  wie  Kluge,  durch  Einführung
verstellbarer  und  tragbarer  Geräte  die  Zahl  fester  Gerüste  und  das  Maß  des
von  ihnen  beanspruchten  Raumes  aufs  äußerste  beschränkt  hatten.)  Je  mehr
aber  der  Turnlehrer  durch  das  Hallenturnen  seine  Aufgabe,  eine  ganze  Abteilung
  mit  Wort  und  Blick  zu  beherrschen,  erleichtert  sah,  um  so  eher  konnte
er  die  Vorteile  vergessen,  die  das  Turnen  im  Freien  den  Schülern  bietet.

So  büßte  mit  der  Zunahme  des  Hallenturnens  die  Turnstunde  einen  guten
Teil  ihres  Wertes  für  Gesundheit  und  Erholung  ein  und  brachte  dafür  den
zweifelhaften  Gewinn  möglichst  kunstvoller  Ausgestaltung  der  verschiedenen
Übungsgebiete.  Gleichzeitig  aber  erfuhren  die  Anforderungen  an  die  geistige
Arbeitskraft  der  Schuljugend  eher  eine  Steigerung  als  eine  Minderung,  so  daß
einsichtsvolle  Männer,  unter  ihnen  der  Düsseldorfer  Amtsrichter  Hartwich  in

ı)  Z.B.  Preußische  Min.-Verf.  vom  7.  Juni  1844,  s.  Euler  u.  Eckler,  Verordnungen‘,
(E.u.E.)  8.  8,  Abschn.  5.

*,  Schon  1865  knüpfte  eine  Zirkularverfügung  des  preußischen  Ministers  die  Genehmigung
  von  Bauplänen  höherer  Schulen  an  die  Herrichtung  von  bedeckten  Turnräumen.