608  Wezoe:  Turnen.

einer  1881  erschienenen  Schrift  “Woran  wir  leiden’,  die  bestehenden  Verhältnisse
  mit  bitteren  Worten  geißelten  und  Abhilfe  verlangten.  Diese  suchte  für
Preußen  der  Goßlersche  Erlaß  vom  27.  Oktober  1882  zu  erreichen,  der  nachdrücklich
  die  Beschaffung  von  Turnplätzen  zur  Förderung  des  Turnens  im  Freien
und  der  Turnspiele  forderte.  Die  letzteren,  in  Braunschweig  schon  seit  1872
als  Schulspiele  von  Hermann  und  Koch  gepflegt,  verbreiteten  sich  an  den
höheren  Schulen  lebhafter,  nachdem  Eitner  der  Deutschen  Philologenversammlung
  in  Görlitz  1889  die  an  seinem  Gymnasium  eingerichteten  Spiele  hatte
vorführen  lassen.  Auch  die  volkstümlichen  Übungen,  unter  ihnen  besonders
das  Laufen,!)  fanden  jetzt  größere  Beachtung;  sie  hatte  schon  30  Jahre  früher
unter  Hinweis  auf  die  Einfachheit  der  hellenischen  Gymnastik  gegenüber  der
Vielfältigkeit  der  Jahnschen  Übungsformen  O.H.  Jäger  in  Stuttgart  warm
empfohlen.  In  Preußen  erörterte  die  vom.  Kultusminister  berufene  und  vom
Kaiser  selbst  besuchte  Dezemberkonferenz  von  1890  außer  anderen  Fragen
des  höheren  Schulwesens  auch  die  der  körperlichen  Übungen;  eine  Folge  dieser
Besprechungen  war  die  Einführung  der  dritten  Turnstunde  durch  die  “Lehrpläne
und  Lehraufgaben’  von  1891.  Die  Bemühungen  der  Regierung  besonders  um
Einführung  der  Turnspiele  und  Gewinnung  von  Spielplätzen  werden  wirksam
unterstützt  durch  den  1891  von  dem  Abgeordneten  von  Schenckendorff  gegründeten
  Zentralausschuß  zur  Förderung  der  Volks-  und  Jugendspiele
  in  Deutschland.  Die  dritte  Turnstunde  hat  von  den  außerpreußischen
Staaten  nur  Sachsen-Altenburg  eingeführt;  dagegen  hat  die  Förderung  des
Turnspiels  und  des  Turnens  im  Freien  in  den  meisten  deutschen  Staaten  Nachahmung
  gefunden,  ganz  neuerdings  noch  in  Bayern  durch  einen  Erlaß  vom
17.  Dezember  1903  und  in  Württemberg,  wo  mit  dem  Beginn  des  Schuljahres
1906  ein  obligatorischer  Spielnachmittag  für  fast  alle  Klassen  der  höheren  Knabenschulen
  eingerichtet  wird.  Die  Verhandlungen  über  Fragen  des  höheren
Unterrichts,  die  im  Juni  1900  in  Berlin  stattfanden,  haben  von  neuem  auf
die  Bedeutung  des  Wasserturnens  hingewiesen  und  empfohlen,  die  Schüler  über
die  erste  Hilfe  bei  Unglücksfällen  zu  belehren.  Von  den  preußischen  Direktorenversammlungen
  beschäftigten  sich  von  der  5.  westfälischen  1829  an
eine  ganze  Anzahl  mit  dem  Betriebe  der  körperlichen  Übungen  in  der  Schule,?)
besonders  eingehend  die  von  Schleswig-Holstein  1895  (Bd.  XLVI),  die  der  Rheinprovinz
  1899  (Bd.  LVII)  und  die  von  Ost-  und  Westpreußen  in  demselben  Jahre
(Bd.  LVII);  von  außerpreußischen  seien  die  Beratungen  über  Fragen  des  Mittelschulwesens
  in  Baden  1883  genannt.?)

Y)  Preuß.  Verfügung  von  1890  E.u.E.  S.  68.

»,  8.  VD.  X,  XXI,  XXDI,  XXXVI,  LII,  LV.

5,  Vgl.  Euler,  Geschichte  des  Turnunterrichts?,  Gotha  1891,  die  ausführliche  Quellensuszüge
  bringt,  und  von  kürzeren  Darstellungen  Angerstein,  Geschichte  der  Leibesübungen
  in  den  Grundzügen®  von  Kurth,  Wien  und  Leipzig  1905,  und  Rühl,  Entwicklungsgeschichte
  des  Turnens?,  Leipzig  1897.  Als  inhaltreiche  Chrestomathie  der  Turnliteratur
  sei  genannt:  Hirth,  Das  gesamte  Turnwesen?  von  Gasch,  4  Bände,  Hof  1898-1895.
Die  Entwicklung  der  Leibesübungen  an  den  höheren  Schulen  Deutschlands  hat  Euler  dargestellt
  in  Rethwisch,  Deutschlands  höheres  Schulwesen  im  19.  Jahrhundert,  Berlin  1898,