610  Weepe:  Turnen.

Förderung  erfahren,  daß  die  Gesundheit  gestärkt,  eine  gute  Haltung  des  Körpers
anerzogen,  die  Kraft  und  Gewandtheit  vermehrt  wird;  und  als  geistiger  Gewinn
des  Turnunterrichts  werden  Frische  des  Geistes,  Selbstvertrauen,  Entschlossenheit,
  Mut,  Ausdauer  und  willige  Unterordnung  unter  die  Zwecke  der  Gemeinschaft
  übereinstimmend  bezeichnet.  Wenn  in  den  verschiedenen  Lehrplänen
noch  einzelne  andere  Punkte  besonders  hervorgehoben  werden,  wie  in  Preußen
die  Vorbereitung  für  den  Dienst  im  vaterländischen  Heere,  in  Bayern  die  harmonische
  Ausbildung  des  ganzen  Körpers,  in  Baden  und  Württemberg  die  Besonnenheit,
  in  Sachsen  die  sorgfältige  Berücksichtigung  des  leiblichen  Organismus
  bei  der  harmonischen  Ausbildung  der  körperlichen  Kräfte  und  die  Erziehung
  zur  Wohlanständigkeit  in  der  ganzen  Haltung  und  Sicherheit  in  der
Beobachtung  gewisser  Anstandsregeln,  in  Baden  die  Anstelligkeit,  in  Hessen
der  Sinn  für  Ordnung  und  Pünktlichkeit,  so  bedeutet  das  keine  Abweichung
vom  Hauptziele.  Wer  aber  dem  Turnunterrichte  nur  wegen  seines  Wertes  für
die  Gesundheit  das  Wort  redet,  hat  die  Aufgabe  des  Faches  ebensowenig  voll
erkannt  wie  der,  welcher  ohne  Rücksicht  auf  die  gesundheitliche  Einwirkung
nur  die  Kraft  entwickeln  will  und  neben  ihr  das  Koordinationsvermögen,  d.  h.
die  Fähigkeit,  die  für  die  verschiedenen  Bewegungen  nötigen  Muskelteile  mit
Hilfe  eines  geübten  Nervensystemes  schnell  durch  den  Willen  aufzusuchen  und
mit  möglichster  Kraftersparnis  in  zweckdienlicher  Weise  zusammenarbeiten  zu
lassen.)  Allerdings  hat  das  übermäßige  Hallenturnen  neuerdings  den  Regierungen
  mehrfach  Veranlassung  gegeben  zu  nachdrücklichem  Hinweis  auf  die
gesundheitliche  Aufgabe  des  Schulturnens;  Preußen,  Bayern,  Württemberg
und  Baden  fordern  das  Turnen  im  Freien,?)  besonders  für  solche  Übungen,  bei
denen  sich  in  den  Turnhallen  die  Erregung  von  Staub  nicht  vermeiden  läßt.
Preußen  macht  genaue  Vorschriften  über  Heizung  und  Reinhaltung  der  Turnhallen,?)
  und  Sachsen  gibt  die  Anweisung:  Turnunterricht  ist  nicht  vor  Ablauf
von  zwei  Stunden  nach  der  Mittagsmahlzeit  zu  erteilen‘)  Man  hat  geglaubt
und  glaubt  z.  T.  noch,  das  Schulturnen  für  die  Wehrkraft  des  Landes  dadurch
  nutzbarer  machen  zu  können,  daß  man  sich  in  Übungsstoff  und  Übungsform

Baden:  Lehrplan  der  Gelelirtenschulen  von  1869,  der  Realmittelschulen  mit  Latein
von  1887,  ohne  Latein  von  1895.

Elsaß-Lothringen:  Allgemeine  Vorschriften  für  die  höheren  Schulen  in  Elsaß-Lothringen
  von  1883.

Hessen:  Lehrplan  für  die  Gymnasien  von  1893,  für  die  Realgymnasien  von  1893,  für
die  Realschulen  von  1899  und  für  die  Oberrealschulen  von  1901,  für  Turnen  sämtlich
gleichen  Inhalts.

1)  8.  Zander,  Die  Leibesübungen  u.  ihre  Bedeutung  f.  d.  Gesundheit.  Leipzig?  1904.

2)  Da  man  ohne  Schaden  für  die  Gesundheit  beim  Spiel  im  Freien  im  Sommer  eine
Temperatur  bis  zu  25—30°C,  im  Winter  bis  zu  +8,76  bzw.  —  2,5°C  (je  nachdem  die
Luft  schwül  oder  bewegt,  feucht  oder  trocken  ist)  verträgt,  so  wird  man  bei  entsprechender
Auswahl  des  Übungsstoffes  auch  die  Turnübungen  weit  häufiger  im  Freien  vornehmen
können,  als  es  gemeinhin  geschieht.  Vgl.  Schmidt-Bonn,  JbVJ.  (Jahrbuch  für  Volks-  und
Jugendspiele)  IV  (1895)  96.

®,  Min.-Runderlaß  vom  26.  Oktober  1898.  E.u.E.  9.  79.

*)  Kretzschmar,  Das  höh.  Schulwesen  im  Kgr.  Sachsen.  Leipzig  1903.  8.  661  $  650.