Übungsstoff.  613

Baden  werden  in  O  I  hölzerne  Fechtgewehre  benutzt.!)  In  der  Verteilung  der
Geräte  auf  die  einzelnen  Stufen  zeigen  sich  manche  Unterschiede:  während
z.  B.  in  Bayern  das  Bockspringen  nicht  vor  der  4.  Klasse  (=  U  UI),  in  Hessen
nicht  vor  III  ausgeführt  werden  soll,  weisen  die  Allgemeinen  Vorschriften  in
ElsaB-Lothringen  den  Bock  der  unteren  Turnstufe  (VI—IV)  zu.  —  Neben  diesen
Übungen  des  Kunstturnens  haben  die  sog.  volkstümlichen  Übungen  des
Laufens,  Springens,  Ringens  und  Werfens,?)  in  Württemberg  schon  durch  Jäger
neubelebt,  in  den  neueren  Lehrplänen  fast  aller  Staaten  ihre  Stelle  gefunden?)
im  preußischen  Leitfaden  sind  sie  so  gut  wie  gar  nicht  berücksichtigt,  erst  ein
Ministerialerlaß  vom  15.  März  1897  hat  die  Pflege  besonders  des  Stabspringens
und  der  Wurfübungen  angeordnet,  ein  Beweis  dafür,  daß  das  Formale  in  der
körperlichen  Ausbildung  bis  dahin  allzusehr  überwog.*)  Dieses  Vorherrschen
des  Formalen,  wie  es  besonders  in  dem  gewissermaßen  logischen  Entwickeln
einer  beschränkten  Anzahl  von  Aufgaben  während  einer  bestimmten  Übungszeit
  zutage  tritt,  verleitet  nur  zu  leicht  zu  einer  einseitigen  Ausbildung  der
Übenden;  und  beim  Gerätturnen  droht  diese  Gefahr  noch  mehr  als  bei  den
F  reiübungen,  weil  die  meisten  Geräte  vorwiegend  entweder  für  den  Hang  oder
für  den  Stütz  geeignet  sind  und  ein  Gerätewechsel  gewöhnlich  nur  einmal  in
der  Stunde  stattfindet.  Mehrfach  und  nicht  ohne  Berechtigung  wird  darum
neuerdings  wieder  auf  die  schwedische  Gymnastik  verwiesen  mit  ihren
beiden  Sätzen:  Der  ganze  Körper  ist  jedesmal  innerhalb  der  gewährten  Übungszeit
  durchzuarbeiten,  und:  Das  Gerät  ist  um  der  Übung  willen  da,  nicht  die
Übung  um  des  Gerätes  willen)  Bei  der  Durcharbeitung  des  Körpers  wird
nicht  nur  die  Muskelarbeit  in  Betracht  gezogen,  sondern  auch  der  Gang  der
Atmung  und  des  Blutumlaufs  berücksichtigt.  Die  schwedische  “Tagesübung’
enthält  folgende  Reihe  von  Übungsarten:  ableitende  Beintätigkeiten,  Übungen
zur  Streckung  des  ganzen  Körpers,  Hangübungen,  Gleichgewichtsübungen,  ein
Spiel,  Übungen  für  die  Rückenmuskeln,  Marsch-  und  Laufübungen,  Übungen
für  die  Bauchmuskeln,  event.  eine  zweite  Hangübung,  Übungen  für  die  seitlichen
  Muskeln,  Sprungübungen  und  Atmungsübungen.  Die  ableitenden  Beintätigkeiten
  sind  leichtere  Bewegungen,  die,  ohne  Geräte  ausgeführt,  Rumpf  und
Glieder  gelenkig  machen  und  den  Blutkreislauf  anregen  sollen.  Sie  werden
nicht  nur  am  Anfang  der  Stunde  ausgeführt,  ebensowenig  wie  die  Atmungsübungen
  nur  am  Ende  der  Übungszeit,  wo  sie  allerdings  als  beruhigende  Ab-Die

  Literatur  über  die  einzelnen  Gebiete  des  Übungsstoffes  s.  in  EHb.  am  Schluß
der  betr.  Artikel  und  bei  Schröer,  Methodik,  S.  96.

?)  Schnell,  Die  Übungen  des  Laufens,  Springens  und  Werfens  im  Schulturnen,
Leipzig  1898.  Witte,  Die  wichtigsten  Schwünge  des  deutschen  Ringens,  Leipzig  1894;
Witte,  Deutsches  Ringbüchlein,  Leipzig  1892.

„  Elsaß-Lothbringen  (Vorschr.  von  1883)  hebt  bes.  Steinstoßen  und  Gerwerfen  hervor

%)  Man  vgl.  im  Preuß.  Leitf.  S.  61,  wo  der  verlangte  Wechsel  zwischen  Laufen  an  und
von  Ort  und  Gehen  an  und  von  Ort  für  beide  Bewegungsarten  eine  Änderung  ihres  gewöhnlichen
  Zeitmaßes  zur  Voraussetzung  hat.

5)  Es  darf  also  keinesfalls  der  logisch  einwandfreien  Folge  der  Übungen  zuliebe  auf
die  allseitige  Ausbildung  des  Körpers  verzichtet  werden.