614  Wereope:  Turnen.

schlußtätigkeit  bevorzugt  sind,  vorgenommen  werden;  beide  Übungsarten  kommen
vielmehr  überall  da  zur  Verwendung,  wo  als  Folgen  anstrengender  Übungen
Unregelmäßigkeiten  des  Blutumlaufes  und  der  Atmung  sich  bemerkbar  machen.
Bei  alledem  werden  die  Übungen  so  einfach  wie  möglich  gewählt.  Auf  die
Vorzüge  des  schwedischen  Turnens  hat  zuerst  Rothstein  nachdrücklich  hingewiesen,
  später  der  italienische  Physiolog  Mosso'),  F.  A.  Schmidt-Bonn’)
und  neuerdings  mit  rückhaltloser  Anerkennung  der  Direktor  der  belgischen
Militärturnanstalt  Lefebure.’)  F.  A.  Schmidt,  der  den  Wert  der  schwedischen
Gymnastik  gegenüber  der  formalen  Bewegungsschule  des  Spießschen  und  dem
zersplitternden  Empirismus  des  Jahnschen  Turnens  hervorhebt,  ohne  dem
deutschen  Turnen  seine  Vorzüge  abzusprechen,  hat  noch  das  besondere  Verdienst,
  den  Übungswert  bei  der  Beurteilung  der  Turnübungen  in  den  Vordergrund
  gestellt  —  er  unterscheidet  demgemäß  Kraftübungen  (umfängliche  und
begrenzte),  Geschicklichkeits-,  Schnelligkeits-,  Dauer-,  Aufmerksamkeits-,  Schlagfertigkeitsübungen
  —  und  darauf  hingewiesen  zu  haben,  daß  das  Übungsbedürfnis
  je  nach  dem  besonderen  physiologischen  Charakter  der  verschiedenen
Lebensalter  verschieden  ist‘)  Die  Ordnung  des  Übungsstoffes  für  das  Schulturnen
  unter  Berücksichtigung  der  Ergebnisse  seiner  und  ähnlicher  Arbeiten
ist  eine  der  wichtigsten  Aufgaben  für  die  nächste  Zeit.  Für  die  möglichst  genaue
Feststellung  der  den  einzelnen  Körperhaltungen  und  -bewegungen  zuzuschreibenden
  physiologischen  Wirkung,  deren  Kenntnis  erst  den  richtigen  Maßstab  für
die  Beurteilung  ihres  Übungswertes  liefert,  würde  die  Einrichtung  einer  besonderen
  wissenschaftlichen  Anstalt  nach  Art  der  schon  1882  in  Paris  von  Marey
und  Demeny  auf  halbschiedliche  Kosten  des  französischen  Staates  und  der
Stadt  Paris  eingerichteten  ‘physiologischen  Station’  von  wesentlichem  Nutzen  sein.)

ı)  Die  körperliche  Erziehung  der  Jugend,  übersetzt  von  J.  Glinzer,  Hamburg  1894.
—  Von  den  Widerlegungen  mancher  in  diesem  Buche  aufgestellten  Behauptungen  vgl.  besonders
  F.A.Schmidt,  ZSg.  1895,  321  und  Grützner,  DTz.  1896,  2  und  30.

?,  Die  Gymnastik  an  den  schwedischen  Volksschulen,  Berlin  1900.

s),  L’Education  physique  en  Suede,  Bruxelles  1903.  Die  neueste  schwedische  Darstellung
  rührt  von  dem  Vorsteher  des  Kgl.  gymnastischen  Zentralinstituts  in  Stockholm,
L.  M.  Törngren,  her  und  ist  betitelt:  Lärobok  i  Gymnastik  för  Folkskollärare-  och  Folkskollärarinneseminarier.
  Stockholm  1905.

‘  Die  Ergebnisse  seiner  Untersuchungen  hat  er  zusammengefaßt  in  dem  für  jeden
Turnlehrer  unentbehrlichen  Buche  “Unser  Körper’  ?,  Leipzig  1908,  welches  außer  einer  Anstomie
  und  Physiologie  des  menschlichen  Körpers  eine  ausführliche  Bewegungslehre  der
Leibesübungen  enthält;  noch  kürzer  und  bestimmter  unter  Weglassung  der  rein  anatomischen
  Abschnitte  in  seiner  ‘Physiologie  der  Leibesübungen’,  Leipzig  1905,  und  besonders
übersichtlich  auf  zwei,  Leipzig  1904,  erschienenen  Tafeln:  I.  Einwirkungen  und  Erfolge  der
Leibesübungen  bei  der  Schuljugend  und  IL  Übersicht  der  für  die  verschiedenen  Altersstufen
zweckmäßigsten  Leibesübungen.  Hingewiesen  sei  auch  auf  zwei  neuere  Werke  Domenys:
Les  bases  scientifiques  de  l’&amp;ducation  physique,  Paris  1902,  und  Mecanisme  et  Education  des
mouvements,  Paris  1904.

6,  Von  den  Geräten  werden  in  Baden,  vom  Schnursprunggestell  abgesehen,  Reck,
Barren  und  Pferd  fast  ausschließlich  gebraucht;  doch  bleibt  das  Pferd  den  oberen  Klassen
vorbehalten,  Anlaufsprünge  über  den  Bock  sind  erst  vom  7.,  über  das  Pferd  erst  vom
9.  Schuljabre  an  statthaft,  falls  der  Turnlehrer  selbst  Hilfestellung  gibt.  In  Württem-