618  Wexox:  Turnen.

überall  in  Deutschland  das  Klassenturnen  an  Stelle  des  Massenturnens,
wenigstens  grundsätzlich,  zur  Anerkennung  gelangt.  Das  letztere,  d.  h.  das
gleichzeitige  Turnen  sämtlicher  Schüler  der  Anstalt  unter  teilweise  selbst  erwählten
  Vorturnern,  deren  Tätigkeit  der  Lehrer  nur  durch  Unterweisung  und
Beaufsichtigung  beeinflußt,  hat  eine  besonders  warme  Verteidigung  gefunden  in
OÖ.  Jägers  ‘Aus  der  Praxis’,')  hauptsächlich  wegen  der  Gelegenheit,  die  es  dem
Schüler  bietet,  das  &amp;oyeıv  re  xal  äpysodeı  zu  lernen  und  in  einem  Organismus
zu  arbeiten,  den  er  selbst  mitgeschaffen  hat.  Es  bedarf  aber  keines  Nachweises
mehr,  daß  eine  nachdrückliche,  gleichmäßige  Förderung  der  leiblichen  Tüchtigkeit
  und  eine  sich  auf  alle  Schüler  in  gleicher  Weise  erstreckende  Ausnutzung
der  charakterbildenden  Werte  der  Leibesübungen,  soweit  sie  überhaupt  möglich
ist,  dann  am  sichersten  erzielt  wird,  wenn  jeder  Schüler  unter  der  unmittelbaren
  Einwirkung  des  Lehrers  steht.  Daß  die  schon  von  Spieß  erhobene  Forderung
  des  Klassenturnens  so  lange  auf  ihre  Verwirklichung  hat  warten  müssen,
ist  vor  allem  den  Schwierigkeiten  zuzuschreiben,  die  daraus  besonders  in  großen
Anstalten  und  bei  ungenügenden  Turnräumen  für  den  Stundenplan  entstehen.?)
Diese  Umstände  haben  auch  dazu  geführt,  daß  das  reine  Klassenturnen,  bei  dem
jede  Schulklasse  eine  Turnabteilung  bildet,  in  Preußen  und  in  manchen  kleineren
  Staaten  noch  immer  nur  zum  Teil  durchgeführt  ist.  Während  in  Bayern,
Sachsen,  Württemberg  und  Baden  nur  in  Ausnahmefällen  (meist  in  kleineren
Anstalten,  und  dann  zählt  die  vereinigte  Abteilung  in  Württemberg  höchstens
30,  in  Baden  höchstens  +40  Schüler)  ungleichaltrige  Klassen  zu  einer  Turnabteilung
  vereinigt  werden,  waren  in  Preußen  1902  30  %,  aller  Tumabteilungen  so
gebildet;  auch  die  Vereinigung  von  VI  und  V  war  nicht  selten.?)

1)  I.  Teil  (Wahrnehmungen  u.  Ratschläge)  Nr.  248—2556  und  II.  Teil  (Lehrkunst  u.  Lehrhandwerk),
  S.  172,  wo  er  das  Klassenturnen  von  IV  an  aufwärts  verwirft.

”)  Vgl.  schon  Verhandlungen  der  35.  Vers.  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  in
Stettin  1880.  Noch  heute  wird  das  Klassenturnen  rücksichtslos  bekämpft,  wo  es  sich  darum
handelt,  den  gesamten  wissenschaftlichen  Unterricht  auf  den  Vormittag  zu  verlegen.  Vgl.
den  Vortrag  von  Böhm,  Die  neuen  Lehrplüne  im  Lichte  der  Hygiene,  ZSg.  1902,  138  und
dagegen  ebenda  S.  167  Perlewitz,  Über  den  Stundenplan  der  höheren  Lehranstalten  und
seine  Schwierigkeiten.  Hier  sei  auch  auf  Boltok,  Über  die  Beziehungen  zwischen  Ermüdung,
  Raumsinn  der  Haut  und  Muskelleistung  (Psycholog.  Arbeiten,  hregeg.  von  Kräpelin,
Ba.  IV,  H.  2),  verwiesen,  dessen  Ergebnisse  die  Herausgeber  der  ZSg.  zu  der  wiederholten
Erklärung  veranlaßten,  daß  sie  ‘die  praktischen  Schlußfolgerungen  für  die  Schule,  die  aus
den  vorhandenen  Ermüdungsmessungen  mit  Bezug  auf  den  Stundenplan,  geteilten  oder  ungeteilten
  Unterricht,  Einfügung  der  Turnstunden  usw.  gezogen  worden  sind,  für  verfrüht
und  wissenschaftlich  nicht  genügend  begründet  halten.’  ZSg.  1903,  97.  Vgl.  auch  Güßfeldts
  Bemerkung  in  der  Dezemberkonferenz  1890  (S.  474)  über  eigene  Erfahrungen,  VD.
LVII  (Rheinprov.  1899),  50  und  Dornblüth,  Wie  und  wann  soll  in  der  Schule  geturnt
werden.  Dtsch.  Turnztg.  1900,  7.  Übrigens  steht  fest,  daß  die  Zahl  der  Befreiungen  vom
Turnunterricht  überall  da  erheblich  ist,  wo  die  Turnstunden  von  den  übrigen  Unterrichtestunden
  getrennt  liegen.

®,  Daraus  ergibt  sich  ohne  weiteres  für  Preußen  eine  ganz  erheblich  größere  Stärke
‚der  Turnabteilungen,  wodurch  für  den  Lehrer  die  Übersicht  und  damit  die  gleichmäßig  gute
"Förderung  aller  Schüler  beträchtlich  erschwert  wird.  Nach  Ausweis  der  Jahrestumberichte
der  preußischen  höh.  Schulen  über  das  Schuljahr  1902  überstiegen  von  den  berichtenden