620  Weepe:  Turnen,

wer  den  Turnunterricht  an  höheren  Schulen  erteilen  soll.)  Unter  allen  Umständen
  ist  es  wünschenswert,  daß  der  Turnlehrer  dem  Kollegium  der  Anstalt
angehöre;  doch  ist  das  an  manchen  kleineren  Anstalten  nicht  der  Fall.  Freilich
  das  Spießsche  Ideal,  daß  jeder  Klassenlehrer  seine  Klasse  im  Turnen  unterrichtet,
  wird  so  bald  nicht  verwirklicht  werden.  Dazu  ist  die  Zahl  der  zu  Turnlehrern
  ausgebildeten  oder  zu  diesem  Amte  sich  eignenden  Mitglieder  der  Lehrerkollegien
  viel  zu  gering.  Insbesondere  ist  die  Zahl  der  akademisch  gebildeten,
zum  Turnunterricht  ordnungsgemäß  befähigten  Lehrer  so  niedrig,  daß  sie,  wollte
man  nur  ihnen  den  Turnunterricht  überlassen,  der  Gefahr  ausgesetzt  wären,
ihren  wissenschaftlichen  Fächern  entfremdet  zu  werden.  Um  dieser  Gefahr  zu
begegnen,  haben  mehrere  Staaten  eine  Höchstzahl  von  Turnstunden  für  akademisch
  gebildete  Lehrer  festgesetzt,  z.  B.  Preußen  6  (E.  u.  E.  S.  73),  Baden  4.
Will  man  nun  nicht  auf  ungenügend  für  das  Fach  vorgebildete  Lehrkräfte  zurückgreifen,
  so  ist  man  genötigt  seminaristisch  gebildete  Lehrer  oder  Fachturnlehrer
  heranzuziehen.  Gegen  die  Verwendung  der  an  der  Anstalt  selbst  beschäftigten
  Elementarlehrer  in  den  Klassen,  in  denen  sie  anderen  Unterricht  erteilen,
  ist  jedenfalls  nichts  einzuwenden.  Die  Fachturnlehrer  stehen  allerdings
der  intellektuellen  Ausbildung  der  Schüler  ferner,  sie  haben  aber  den  großen
Vorteil,  daß  sie  den  Gang  des  Unterrichts  eine  ganze  Reihe  von  Klassen  hindurch
  beherrschen,  und  bieten  somit  für  die  Gleichmäßigkeit  und  Einheitlichkeit
  der  Entwicklung  eine  gute  Gewähr;  und  die  erziehliche  Wirkung  wird
beim  Turnen  mehr  als  in  jedem  anderen  Unterrichtsgegenstand  durch  die  geeignete
  Lehrerpersönlichkeit  aus  dem  Fache  selbst  heraus  gewonnen.  So  sind
denn  im  letzten  Jahrzehnt  eine  Anzahl  von  Städten  dazu  geschritten,  den
Turnunterricht  an  ihren  höheren  Schulen  fest  angestellten  Fachturnlehrern  zu
übertragen;  so  Berlin,  Hannover,  Breslau  u.  a?)  Die  Ausbildung  der  Turnlehrer
  ist  in  der  letzten  Zeit  auf  Anregung  des  Deutschen  Turnlehrervereins  in
allen  Teilen  Deutschlands  der  Gegenstand  lebhafter  Besprechungen  gewesen,  die
ihren  Niederschlag  gefunden  haben  in  einem  Pfingsten  1904  bei  der  Allgemeinen
deutschen  Turnlehrerversammlung  in  Quedlinburg‘  gehaltenen  Vortrag  von
Schmuck,  abgedruckt  MTw.  1904,  257.  Fast  sämtliche  Vorschläge  nehmen
den  schon  vor  40  Jahren  von  Küppers”)  ausgeführten  Gedanken  wieder  auf,
die  Ausbildung  der  akademisch  gebildeten  Turnlehrer  sei  auf  die  Universität

1)  Diese  Frage  ist  sehr  ausführlich  behandelt  VD.  LVII  (Rheinprov.  1899)  8.  69

’,  In  Preußen  wurden  1902  etwa  40°,  aller  Turnstunden  an  höheren  Schulen  von
akademisch  gebildeten,  25  %,  von  Elementarlehrern  derselben  Anstalt,  10  °;,  von  technischen
Lehrern  (Zeichen-  und  Gesanglehrern)  und  22  °/,  von  reinen  Fachturnlehrern  gegeben;  in
Bayern  geben  Fachturnlehrer  etwa  *%,  des  Turnunterrichts;  in  Sachsen  wurden  1900  16  °%,
der  Turnstunden  von  akademisch  gebildeten  und  84  °%,  von  seminaristisch  gebildeten  Turnlehrern
  erteilt  (s.  Misselwitz,  ZTJ.  IX  405);  in  Württemberg  geben  Fachturnlehrer  etwa
die  Hälfte  aller  Turmstunden.  In  Baden  dagegen  gibt  es  nur  einen  Fachturnlehrer;  im
übrigen  sind  dort  etwa  ,  der  Turnstunden  Lehrern  mit  Universitätsbildung  übertragen,
!/  aus  dem  Seminar  hervorgegangenen.

%)  Organisationsplan  zur  Gründung  von  Turnanstalten  und  turnerisch-pädagogischen
Seminarien  an  den  Universitäten.  Leipzig  1867.