Tamlehrer.  691

zu  verlegen.)  Mehrfach  ist  auch  der  Gedanke  aufgetaucht,  daß  für  die  Erwerbung
  der  Anstellungsfähigkeit  von  jedem  Kandidaten  des  höheren  Schulamts
  neben  der  wissenschaftlichen  und  praktisch-pädagogischen  Ausbildung  ein
bestimmtes  Maß  von  Turnfertigkeit  und  Verständnis  für  den  Turnunterricht  zu
fordern  sei.  Eine  solche  Bestimmung  würde  durchaus  im  Sinne  des  Kaisers
sein,  der  bei  der  Dezemberkonferenz  1890  erklärte:  ‘Jeder  Lehrer,  der  gesund
ist,  muß  turnen  können,  und  jeden  Tag  soll  er  turnen”  Die  Verwirklichung
des  in  Preußen  mehrfach  wiederholten  Vorschlages,  die  Turnbefähigung  gleichwertig
  mit  einem  Teil  einer  wissenschaftlichen  Lehrbefähigung  für  das  Oberlehrerzeugnis
  anzurechnen?)  ist  an  dem  Widerstande  der  Behörden  gescheitert;
und  ob  und  wieweit  die  Erwerbung  der  Turnlehrbefähigung  neben  einem  Oberlehrerzeugnis
  zu  einer  früheren  Anstellung  führt,  bedarf  noch  der  Untersuchung.
Zur  Ausbildung  von  Turnlehrern  haben  alle  größeren  Staaten  in  der  Landeshauptstadt
  eine  besondere  Turnlehrerbildungsanstalt  eingerichtet;  es  gibt
solche  Anstalten  in  Berlin?),  München,  Dresden,  Stuttgart,  Karlsruhe  und  Darmstadt.
  Über  die  Verteilung  der  Kurse  an  diesen  Anstalten,  über  ihre  Dauer
und  Einrichtung  gibt  eine  Zusammenstellung  von  Wickenhagen  (ZTJ.  V  296)
Auskunft,  besonders  die  Dauer  der  Kurse  ist  recht  verschieden;  in  Württemberg
  und  Sachsen  sind  besondere  Wiederholungskurse  vorgesehen,  in  Baden
wird  wiederholtes  Durchmachen  eines  Kursus  vorausgesetzt.  Daß  Wiederholungskurse,
  die  nur  geringe  Dauer  zu  haben  brauchen,  sich  für  den  Turnunterricht
  sehr  gewinnbringend  gestalten  lassen,  liegt  auf  der  Hand,  insbesondere
  dann,  wenn  die  Leiter  und  Lehrer  der  Kurse,  wie  es  in  fast  allen  größeren
Bundesstaaten  außer  Preußen  der  Fall  ist,  die  Verpflichtung  haben,  in  einem
kürzeren  Zeitraum  von  3  bis  4  Jahren  den  Turnbetrieb  an  sämtlichen  höheren
Schulen  des  Landes  zu  besichtigen.*)  —  In  einer  größeren  Reihe  von  Städten
haben  sich  die  Turnlehrer  zu  Turnlehrervereinen  zusammengetan,  um  durch
den  Austausch  ihrer  Erfahrungen  und  Studien  sowie  durch  praktische  Turnund
  Spielvorführungen  ihre  Fachkenntnisse  zu  erweitern  und  ihre  Berufsinteressen
  zu  fördern,  und  die  meisten  dieser  Vereine  haben  sich  wiederum  1893
zum  ‘Allgemeinen  deutschen  Turnlehrerverein’  zusammengeschlossen,  der
nicht  nur  auf  den  durchschnittlich  alle  3  Jahre  abgehaltenen  Allgemeinen  deutschen
  Turnlehrerversammlungen?’),  sondern  auch  in  der  Zwischenzeit  durch  An-1)

  An  mehreren  Universitäten,  z.  B.  Bonn,  Breslau,  Halle,  Königsberg,  Münster,  werden
mit  staatlicher  Unterstützung  Vorbereitungskurse  für  die  Turnlehrerprüfung  abgehalten,  die
jährlich  im  Februar  oder  März  an  den  genannten  Orten  oder  in  Berlin  und  Greifswald  abgelegt
  werden  kann.  Die  1894  erlassene  preußische  Prüfungsordnung  für  Turnlehrer  3.
E.u.E.  S.95.  In  den  übrigen  größeren  Bundesstaaten  sind  die  Prüfungen  in  der  Regel
mit  den  Turnlehrerbildungsanstalten  verbunden.  r,  2.B.  von  Heinrich,  ZTJ.  IX  183.

°)  Die  Aufnahmebestimmungen  ».  E.  u.  E.  S.  88.  Vgl.  über  die  wesentlich  abweichenden
  Verhältnisse  der  Turnlehrerausbildung  in  Schweden  Lefebure  a.a.  0.8.4  und  die
beachtenswerten  Vorschläge  in  Demenys  “Plan  d'un  enseignement  sup£erieur  de  l’Education
physique’.  Paris  1899.  |

*,  Vgl.  Neuendorff,  Die  Turnlehrer  an’  den  höh.  Lehranstalten  Preußens.  Berlin  1906.

6),  Die  letzte  fand  Pfingsten  1904  in  Verbindung  mit  der  Enthällung  des  GutsMuthsdenkmals
  in  Quedlinburg  statt.  zur