Lehrbetrieb.  Lebrplan.  623

der  Turnstunde  von  ausschlaggebender  Bedeutung;  auch  nicht  die  Glieder,  von
denen  die  Übungen  ausgeführt  werden,  sondern  ihre  physiologische  Wirkung,
zumal  bei  der  Jugend  mit  ihrer  fremden  —  fördernden  wie  schädlichen  —  Einflüssen
  so  zugänglichen  körperlichen  Entwicklung.  Darum  ist  die  Folge  der
Übungen  so  aufzustellen,  daß  unbeschadet  der  Ausbildung  der  körperlichen
Kraft,  der  Koordinationsfähigkeit  und  der  charakterbildenden  Eigenschaften  auf
Blutkreislauf,  Atmung  und  Stoffwechsel  hinreichend  Rücksicht  genommen  wird.
In  dieser  letztgenannten  Beziehung  befriedigt  ohne  Frage  die  Anordnung  der
schwedischen  Turnstunde  —  und  ganz  ähnlich  ist  auch  in  Frankreich?!)  die
Verteilung  des  Übungsstoffes  innerhalb  einer  Turustunde  eingerichtet  —  mehr
als  die  in  unserem  Schulturnen  herkömmliche.  Freilich  bringt  ein  häufigerer
Wechsel  von  Freiübungen  und  Übungen  an  Geräten  anfangs  Schwierigkeiten
mit  sich;  besonders  stellt  die  Aufgabe,  methodisches  Fortschreiten  mit  Berücksichtigung
  des  physiologischen  Einflusses  der  Übungen  und  häufigerem  Wechsel
der  äußeren  Übungsmittel  zu  vereinigen,  hohe  Anforderungen  an  die  Geschicklichkeit
  und  geistige  Spannkraft  des  Turnlehrers;  daß  sich  aber  das  Ziel  erreichen
  läßt,  ist  durch  erfolgreiche  Versuche  mehrfach  dargetan.?)

Jedenfalls  ist  aber  wie  für  jedes  andere  Lehrfach,  so  auch  für  das  Turnen
ein  Lehrplan  notwendig,  der  dem  erfahrenen  Lehrer  nicht  eine  Fessel  sein
soll,  denn  Anfänger  aber  eine  willkommene  Stütze  bietet,  und  der  vor  alleın
eine  geordnete  Entwicklung  durch  die  aufeinander  folgenden  Klassen  der  Anstalt
  hindurch  gewährleistet.  Soweit  ferner  der  Turmunterricht  in  den  verschiedenen
  Schulen  eines  größeren  Gebietes  übereinstimmend  geordnet  ist,  erscheint
auch  ein  einheitlicher  Lehrplan  für  dieses  ganze  Gebiet  möglich  und  erwünscht.
Darum  haben  die  meisten  deutschen  Staaten,  in  denen  das  Klassenturnen  durchgeführt
  ist,  einen  einheitlichen  Übungsplan  teils  eingeführt,?)  teils  empfohlen;*)
in  Preußen  dagegen  hat  man  von  einem  durchgehenden  Lehrplan  abgesehen,
weil  die  Einrichtung  der  Turnabteilungen  immer  noch  große  Unterschiede
zeigt.)  Der  schüchterne  Versuch,  der  in  den  Lehraufgaben  von  1891  mit  der
Aufstellung  eines  Grundlehrplanes  gemacht  wurde,  ist  1901  ganz  aufgegeben
worden.  Wo  sich  aber  in  einem  engeren  Kreise  Gleichheit  der  Organisation
findet,  wie  in  manchen  größeren  Städten,  z.  B.  Hannover,  hat  man  mit  gutem

ı)  Vgl.  Demeny,  Philippe  et  Racine,  Cours  superieur  d’Education  physique.
Paris  1906.

#)  Man  sucht  jetzt  bei  uns  mehrfach  mit  der  schwedischen  Gymnastik  sich  abzufinden,
indem  man  die  Rumpfübungen  mehr  als  bisher  in  die  beliebten  Übungsgruppen  der  Freiübungen
  hineinzieht;  zur  vollen  Wirkung  kommen  aber  diese  Übungen  erst,  wenn  sie  selbständig
  in  einfachster  Form  ausgeführt  werden.  Auch  die  für  die  Entwicklung  der  guten
Körperhaltung  in  den  Jahren  des  Wachstums  so  besonders  wertvollen  Gleichgewichtsübungen
finden  durchgehends  noch  zu  wenig  Beachtung.

®,  Bayern  und  Hessen.

%  Württemberg  den  von  KeBler  seinen  “Übungsbeispielen’  (?  Stuttgart  19056)  angefügten,
  Baden  Mauls  “Lehrplan  für  das  Turnen  der  männlichen  Schuljugend’  (Karlsruhe
  1900).

6,  Böttcher,  EHb.  1623  und  Dtsch.  Turnztg.  1901,  878  verlangt  trotzdem  Klassenziele
  für  die  ganze  preußische  Monarchie.