Gemein-  und  Riegenturnen.  Turnkür.  625

gehend;  die  preußischen  Lehrpläne  fordern  Gemeinübungen  für  untere  und
mittlere  Klassen,  erklären  aber  das  Riegenturnen  in  den  oberen  Klassen  für
zulässig,  wenn  es  möglich  ist,  durch  besondere  Anleitung  tüchtige  Vorturner
auszubilden.  Dieses  Riegenturnen  unter  selbständigen  Riegenführern  setzt  eine
gute  Ausbildung  der  Vorturner  und,  zumal  wenn  diese  der  turnenden  Klasse
selbst  angehören,  besondere  Charaktereigenschaften  bei  den  Ausgewählten  voraus,
bei  den  übrigen  aber  einen  gleichmäßig  guten  Turneifer.  Wo  sich  diese  Voraussetzungen
  vereinigt  finden,  wird  auch  das  Riegenturnen  Erfolg  haben.

Die  Turnkür,  d.  h.  das  Turnen  mit  freier  Wahl  der  Übungen,  soll  die
Vorzüge  des  freieren  Turnens  in  der  Art  der  Jahnschen  Turngemeinde  neben
denen  des  Gemeinturnens  zur  Geltung  kommen  lassen  und  insbesondere  den  für
das  Turnen  in  höherem  Grade  veranlagten  und  interessierten  Schülern  eine
weitere  Ausbildung  ihrer  Fähigkeiten  ermöglichen.  Empfohlen  wird  sie  von
Preußen  und  Sachsen.  Letzteres  verlangt  für  kleinere  Anstalten  eine  besondere
wöchentliche  Kürturnstunde,  für  größere  mehrere.  Die  Beschränkung  der  Turnkür
  auf  die  oberen  Klassen,  die  in  den  preußischen  Lehrplänen  von  1891  auffiel,
  ist  1901  aufgehoben  worden.  Über  das  Maß  der  dieser  Art  des  Turnbetriebes
  zu  widmenden  Zeit  gehen  die  Meinungen  auseinander:  am  häufigsten
findet  man  die  Ansicht  vertreten,  etwa  jede  sechste  Stunde  sei  der  Turnkür
vorzubehalten!)  Wickenhagen,  VD.  XLVI,  290,  will  für  die  Turnkür  besondere
  Stunden  mit  freier  Beteiligung  angesetzt  haben,  die  den  Vorturmmern
ausgiebige  Gelegenheit  bieten  sollen,  ihr  Führertalent  zu  betätigen,  da  der  Lehrer
sich  dabei  möglichst  im  Hintergrunde  hält.  An  manchen  Anstalten  beschränkt
sich  das  Kürturnen  auf  das  Pausenturnen,  wie  es  der  Kaiser  in  einer  Ansprache
  an  die  Kursisten  der  Turnlehrerbildungsanstalt  in  Berlin  1890  empfohlen
  hat.

Der  Einheitlichkeit  des  Turnbetriebes  dient  der  Lehrplan;  wo  aber,  wie  in
Preußen,  ein  allgemein  gültiger  Lehrplan  fehlt;  benutzt  man  als  gemeinsame
Unterlage  einen  Leitfaden?)  oder  ein  Übungsbuch,  das  durch  Abbildungen
auch  eine  Anschauung  von  der  richtigen  Form  der  verschiedenen  Haltungen
oder  Stellungen  gibt.)  Von  besonderer  Bedeutung  ist  ein  solcher  Leitfaden
auch  für  die  Einheitlichkeit  der  Turnsprache,  die  in  Preußen  durch  die  Einführungsverfügung
  des  Leitfadens  von  1895  ausdrücklich  gefordert  wird;  zwischen
  den  verschiedenen  deutschen  Staaten  bestehen  allerdings  gerade  auf  diesem
Gebiete  noch  große  Unterschiede‘)  Für  den  Spielbetrieb  wird  die  Benutzung
der  Spielregeln  des  Zentralausschusses  für  Volks-  und  Jugendspiele  mit  Recht

)  Vgl.  Bach,  EHb.  I  700,  Hallwachs,  MTw.  XXI  161;  Rossow,  KuG.  XII  339;
VD.  XXIV  (Preußen  1886,  9.  These)  und  XLVI  290  und  381.

7)  In  Preußen  den  “Leitfaden  für  den  Turnunterricht  in  den  preußischen  Volksschulen’.
Berlin  1895.  Ihm  gingen  zwei  andere  Bearbeitungen  voraus:  die  erste  mit  demselben  Titel
von  1862,  ale  zweite  der  “Neue  Leitfaden  für  den  Turmunterricht  usw.’  von  1868.

®)  Die  Literatur  s.  bei  Schröer,  Methodik  des  Turnens,  S.  86.

%)  Die  Deutsche  Turnerschaft  hat  auf  dem  Turntag  in  Berlin  Ostern  1904  einer  Kommission
  die  Vorarbeiten  für  die  Beseitigung  der  Mängel  stf  turnsprachlichem  Gebiet  übertragen.


Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  40