Geschichte.  629

damaligen  Schulbetriebe  Geist  und  Körper  der  Schulkinder  auf  den  höheren
Schulen  so  geschädigt  werde,  daß  daraus  ernste  Gefahren  für  Schule,  Haus  und
Volk  entstehen  müßten.  Die  übergroße  Menge  der  Unterrichtsgegenstände,  der
Unterrichtsstunden  und  der  häuslichen  Arbeiten  führte  sowohl  zu  einer  Herabsetzung
  der  geistigen  Kräfte  als  auch  mangels  jeder  richtigen  körperlichen  Erholung
  zu  einer  Schwächung  des  Körpers,  die  sich  besonders  in  zurückbleibender
  körperlicher  Entwicklung  im  allgemeinen  als  auch  im  besonderen  durch
Abnahme  der  Sehkraft  dokumentierte.  Lorinser  forderte  zur  Abhilfe  eine
Vereinfachung  der  Lehrpläne  und  Herabsetzung  der  Stundenzahl.  Seine  Abhandlung
  gewann  namentlich  Bedeutung,  als  der  König  Friedrich  Wilhelm  Ill.
lebhaftes  Interesse  daran  nahm.  Nach  Feststellung  der  von  Lorinser  allerdings
  wohl  etwas  übertrieben  dargestellten  Übelstände  wurden  durch  Kabinettsorder
  Friedrich  Wilhelms  IV.  vom  6.  Juni  1842  die  Leibesübungen  als  ein
notwendiger  und  unentbehrlicher  Bestandteil  der  männlichen  Erziehung  anerkannt,
  und  zu  ihrer  Förderung  der  Turnunterricht  an  den  höheren  Schulen  und
Lehrerseminaren  eingeführt.

Von  da  ab  bis  heute  ist  der  Schulhygiene  von  Ärzten,  Schullehrern  und
Baumeistern  eine  immer  größere  Aufmerksamkeit  zugewendet  worden.

Schon  50  Jahre  vor  Lorinser  hat  der  große  Arzt  Peter  Frank  (2)  vom
medizinischen  Standpunkte  aus  über  die  Gesundheitspflege  der  lernenden  Jugend
mit  den  heutigen  durchaus  übereinstimmende  Ansichten  geäußert.  Er  warnt
davor,  die  Kinder  zu  früh,  nicht  vor  dem  8.  Lebensjahre,  in  die  lateinischen
Schulen  zu  bringen,  vor  zu  frühzeitigem  Beginne  des  Unterrichts  am  Morgen,
vor  zu  langer  Dauer  desselben.  Er  erörtert  die  gesunde  Lage  der  Schulhäuser
und  die  zweckmäßige  Größe,  Lüftung  und  Heizung,  Beleuchtung  und  Reinlichkeit
  der  Schulzimmer.  Auch  die  nach  ihm  so  unendlich  oft  erörterte  Frage
der  Schulbänke  wird  von  ihm  behandelt.  Ganz  besonders  empfiehlt  er  die  Einführung
  von  Turnübungen,  Wanderungen  und  Jugendspielen  aller  Art  in  die
Erziehung  in  den  Schulen.  Schulstrafen,  Ferien,  Schulausfall  bei  Hitze,  ansteckende
  Krankheiten  der  Schulkinder  usw.,  kurz  alle  Fragen,  die  das  Gebiet
der  modernen  Schulhygiene  betreffen,  sind  von  Frank  bereits  berücksichtigt
worden.  |

Viele  bedeutende  Gelehrte  und  Schulmänner  hatten  in  den  früheren  Jahrhunderten
  wohl  schon  betont  und  auch  vereinzelt,  soweit  ihr  Einfluß  reichte,
dafür  Sorge  zu  tragen  versucht,  daß  neben  der  geistigen  auch  die  körperliche
Erziehung  der  Jugend  in  den  Schulen  berücksichtigt  würde,  aber  im  allgemeinen
  ist  die  körperliche  Ausbildung  der  Jugend  in  den  Schulen  vollkommen
vernachlässigt  worden.

Von  den  meisten  geistlichen  Erziehern  im  Mittelalter  werden  die  im  Volke
so  beliebten  Kampfspiele,  Jugendspiele  aller  Art  und  leiblichen  Übungen  als
Teufelswerk  für  die  Jugend  verboten.  Gar  nicht  selten  sind  von  den  obrigkeitlichen
  Behörden  in  Städten  den  Schulkindern  die  Ausübung  der  Spiele  durch
besondere  Verfügungen  verboten.  So  ist  es  als  keine  kleine  Tat  unseres  großen
Reformators  Luther  zu  bezeichnen,  daß  er  auch  hier  brechend  mit  dem  Alt