642  Weswtore:  Schulhygiene.

Von  besonderer  Bedeutung  für  die  Dauer  der  Lehrstunden  sind  die  Untersuchungen
  über  den  Eintritt  der  Ermüdung  des  kindlichen  Gehirnes  nach
geistiger  Anstrengung  geworden.  Eine  solche  Ermüdung  tritt  schon  nach
relativ  kurzer  Zeit  angestrengten  Aufpassens  ein,  so  daß  erst  ältere  Schüler  in
der  Lage  sind,  ihre  Aufmerksamkeit  ohne  eintretende  Ermüdung  durch  einen
Zeitraum  von  ca.  45  Minuten  zu  konzentrieren,  der  usuellen  Dauer  einer  akademischen
  Lehrstunde.  Bei  jüngeren  Kindern  tritt  meist  schon  nach  20  bis
35  Minuten  angespannter  geistiger  Anstrengung  Ermtidung,  Abgespanntheit  und
mangelhafte  Leistung  ein.  Wird  dauernd  trotzdem  weitergearbeitet,  so  treten
die  Erscheinungen  der  Übermüdung  und  Überbürdung  hervor.  Dagegen  schützen
wir  unsere  Schulkinder  durch  zweckmäßige  geistige  Ausspannung  in  den  zwischen
die  einzelnen  Stunden  zu  verlegenden  Ruhe-  und  Erholungspausen  und  durch
das  Vermeiden  zu  langer  Unterrichtszeiten.  Ganz  besonders  wichtig  zur  Verhütung
  der  Überbürdung  und  Ermüdung  ist  die  richtige  Folge  der  einzelnen
Unterrichtsfächer  in  der  Art,  daß  nicht  eine  Häufung  von  Stunden  mit  großer
geistiger  Anstrengung  eintritt.  Für  das  Ausruhen  zwischen  zwei  Lehrstunden
sind  10—15  Minuten  Pause  für  Schüler  und  Lehrer  erforderlich  und  ausreichend.
In  einer  längeren  Pause  von  15  Minuten  soll  der  Schüler  Gelegenheit  haben,
sein  Frühstück  ın  Ruhe  zu  verzehren,  während  die  anderen  Pausen  munterem
freien  Jugendspiel  und  Tummeln  auf  dem  Schulhofe  gewidmet  sein  müssen;
bei  schlechtem  Wetter  müßte  eine  bedeckte  Wandelhalle  zur  Verfügung  stehen.
Während  der  Pausen  sind  die  Schulzimmer  zu  lüften.

Da  besonders  in  Großstädten  die  weiten  Schulwege  ermtiden,  und  die
Mittagspause  meist  viel  zu  kurz  ist,  so  ist  es  vom  gesundheitlichen  Standpunkte
durchaus  empfehlenswert,  nur  Vormittagsunterricht  abzuhalten.  Findet  Nachmittagsunterricht
  statt,  so  sind  als  Unterrichtsfächer  lediglich  technische  Fächer
zuzulassen;  die  Mittagspause  soll  dann  nicht  kürzer  als  3  Stunden  sein,  um  die
Verdauung  nicht  zu  beeinträchtigen.  Im  Sommer  hat  der  Nachmittagsunterricht
  und  der  Unterricht  in  den  späteren  Vormittagsstunden  auszufallen,  wenn
die  Temperatur  eine  zu  hohe  ist,  und  namentlich  die  Schwüle  der  Luft  die
geistige  Arbeit  behindert,  besonders  wenn  mangelhafte  hygienische  Einrichtungen
  des  betreffenden  Schulhauses,  seine  Lage  usw.  eine  ausreichende  Ventilation
  und  Kühlung  der  Schulräume  unmöglich  machen.

Auf  die  durch  eine  unzweckmäßige  Haltung  des  Körpers  oder  durch  unhygienische
  Schulbänke  und  mangelhafte  Beleuchtung  beim  Schreiben  und  Lesen
und  beim  Unterrichte  überhaupt  eintretenden  hygienischen  Mißstände,  die  zu  Verdauungsstörungen,
  Wirbelsäuleverkrümmungen  und  Augenerkrankungen  führen,
ist  schon  hingewiesen  und  wird  bei  der  Besprechung  der  Hygiene  der  Sinnesorgane
  noch  einmal  darauf  kurz  einzugehen  sein.  Hier  sei  nur  bemerkt,  daB
der  Gebrauch  von  Schiefertafeln,  Linienblättern,  blasser  oder  erst  nachdunkelnder
Tinte,  glänzenden  oder  nicht  rein  weißen  Schreibpapieres  zur  Augenverderbnis
ebenso  führt,  wie  andauerndes  Lesen  und  Schreiben  bei  mangelhafter  Beleuchtung.
  Auch  beim  Schreib-  und  Zeichenunterricht,  sowie  bei  der  Lektüre  und
beim  Schreiben  in  der  Schule  und  zu  Haus  sind  zur  Schonung  und  zum  Ausruhen