Schreiben  und  Lesen.  643

der  Augen  öfters  kürzere  Pausen  zu  machen,  und  durch  das  Schauen  durch  die
Fenster  in  die  Ferne  und  das  Einnehmen  einer  veränderten  Körperhaltung  sucht  man
sowohl  dem  Auge  durch  die  Änderung  der  Akkomodation  ein  Ausruhen,  alsauch  dem
Körper  eine  andere  Lage  zu  geben.  Einer  Entstehung  des  Schreibkrampfes  ist  durch
den  Gebrauch  glatter  runder,  leichter  Federhalter,  nicht  zu  spitzer  Federn  und  durch
Erziehung  zu  richtiger  gerader  Schreibhaltung  vorzubeugen.  Mechanische  Schreibstützen
  haben  nur  einen  geringen  hygienischen  Wert.  Die  Steilschrift  hat  vor  der
Schrägschrift  außerordentliche  hygienische  Vorzüge,  ebenso  wie  das  Lesen  und
Schreiben  lateinischen  Druckes  und  lateinischer  Schrift  vor  entsprechenden  deutschen
  Buchstaben  und  Lettern  den  Vorteil  größerer  Deutlichkeit,  Übersichtlichkeit
und  geringerer  Schwierigkeit  des  Erkennens,  also  geringerer  Anstrengung  besitzt.

Das  Zeichnen  und  im  Zusammenhang  damit  die  Pflege  des  Kunstverständnisses
  verdient  noch  größere  Förderung.  In  den  ausgiebig  und  richtig  zu  beleuchtenden
  Zeichensälen  muß  große  Reinlichkeit  herrschen,  da  der  feine  Staub
von  Blei-  und  Zeichenstiften,  sowie  der  vom  Radieren  herrührende  Papier-  und
Gummistaub  für  die  Atmung  schädlich  ist.

Daß  das  Lesen,  namentlich  das  langandauernde,  auch  eine  körperliche  Anstrengung
  ist,  und  daher  die  Lesewut  hygienische  Schädlichkeiten  durch  Überanstrengung
  bedingt,  ist  meist  nicht  bekannt.  Auch  auf  die  Gefahr  der  Übertragung
  von  Krankheitsstoffen  durch  Bücher,  namentlich  durch  vielbenutzte  und
beschmutzte  aus  Leihbibliotheken  sei  hingewiesen.  Lesen  doch  gerade  bettlägerige
  Kranke  viel,  und  beim  Husten,  Niesen  und  beim  Berühren  der  einzelnen
Blätter  mit  den  Händen  und  Fingern  werden  vielfach  krankheiterregende  Bakterien
  übertragen,  die  in  und  an  den  Büchern  lange  konserviert  werden  können.
Ist  doch  neuerdings  das  häufige  Vorkommen  von  Tuberkelbazillen  an  solchen
Büchern  experimentell  nachgewiesen  worden.  Da  man  Bücher  ohne  Beschädigung
  derselben  nicht  desinfizieren  kann,  so  sollte  der  Gebrauch  und  Kauf  schon
längere  Zeit  benutzter  Schulbücher  vermieden  werden.

Drucke  mit  geringerer  Buchstabengröße  als  1,60  mm,  sowie  mit  naher
Aproche  (Entfernung  der  Buchstaben  in  einem  Worte  und  der  einzelnen  Wörter
aneinander),  mit  einer  Zeilenlänge  über  10  cm  bei  geringem  Zeilenabstande  und
auf  glänzendem  oder  nicht  weißem  Papier  sind  augenverderbend.  Viele  auch
von  Schülern  benutzte  Bücher,  namentlich  aber  Zeitungen,  entsprechen  oft  nicht
den  hygienischen  Mindestforderungen.

Während  das  anstrengende  Klavierspiel  besonders  von  den  Schülern  höherer
Schulen  oft  in  einer  die  geistige  Ausbildung  störenden  und  die  Kinder  nervös
machenden  Art  und  Weise  betrieben  wird,  ist  die  Pflege  des  Gesanges  bei  weitem
noch  nicht  eine  derartige,  wie  sie  es  als  wirkliche  Kunstübung  verdient.  Auch
die  hygienische  außerordentliche  Bedeutung  des  Singens  mit  ihrer  wohltätigen
Einwirkung  auf  den  Körper,  namentlich  auf  Herz  und  Lungen,  eine  wahre
Lungengymnastik  vorzüglich  für  Kinder  mit  verbildetem  Brustkorbe,  ist  in
weiten  Kreisen  immer  noch  nicht  gebührend  berücksichtigt.  Befreiungen  vom
Gesang,  namentlich  aber  auch  vom  Tuarnunterricht,  finden  oft  zu  zahlreich  statt.

Ein  Schularzt  als  Schulvertrauensay,  t  gird  nur  außerordentlich  selten  Gelegenheit
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