644  Warnicrke:  Schulhygiene.

nehmen,  solche  Befreiungen  eintreten  zu  lassen,  da  es  für  schwächliche  Kinder
zur  Stärkung  ihrer  Gesundheit  ja  gar  nichts  Besseres  gibt  als  körperliche
Übung,  namentlich  in  Form  von  Turn-  und  Jugendspielen  betrieben.  Nur.
wirklich  mit  schweren  organischen  Fehlern  behaftete  Kinder  sollten  vom  Turnunterrichte
  befreit  werden.

Die  Hygiene  des  Unterrichtes  hat  nun  in  allererster  Linie  zu  berücksichtigen,
  daß  das  Gehirn,  der  Sitz  der  geistigen  Funktionen,  dessen  Ausbildung
den  Hauptzweck  des  Unterrichts  darstellt,  nicht  in  unzweckmäßiger  Art  und
Weise  überanstrengt  wird,  sondern  daB  seine  Inanspruchnahme  durch  den  Unterricht
  so  erfolgt,  daß  es  durch  allmähliche  methodische  Übung  immer  leistungsfähiger
  nach  jeder  Richtung  hin  wird.  Das  Gehirn  gleicht  in  dieser  Beziehung
durchaus  den  übrigen  Körperorganen.  Wie  z.  B.  die  Muskulatur  durch  zweckmäßig
  geleitete,  d.  h.  der  Leistungsfähigkeit  der  Muskeln  adäquate  Anstrengungen
  geübt  und  so  zu  immer  größerer  Leistungsfähigkeit  geführt  wird,  durch
zu  große  und  zu  andauernde  Anstrengungen  aber  geschwächt  und  überarbeitet
wird,  so  stärkt  methodisch  richtige  Ausbildung  das  Gehirn  als  Organ  und  befähigt
  es  zu  immer  größeren  Leistungen,  während  ein  unrichtig  ausgebildetes
und  überanstrengtes  Gehirn  allmählich  qualitativ  und  quantitativ  weniger
leistungsfähig  wird,  als  Folge  der  Überarbeitung.  Diese  Überarbeitung,  Überbürdung
  und  Ermüdung  des  Gehirns  macht  sich  nun  nicht  nur  in  mangelhafter
geistiger  Leistung  bemerkbar,  sondern  übt  eine  Rückwirkung  auf  den  Körper
aus.  Und  diese  Rückwirkung  auf  den  Körper  hat  man  in  neuerer  Zeit  dazu
benutzt,  um  unabhängig  von  der  verminderten  geistigen  Frische  und  Leistungsfähigkeit
  die  vorhandene  durch  Überbürdung  gesetzte  Ermüdung  des  Gehirns
nachzuweisen.  Die  ganze  Kunst  des  Unterrichtens  und  die  Hygiene  des  Unterrichts
  kommt  also  darauf  hinaus,  die  geistige  Überbürdung  zu  verhindern.

Bei  einem  Schüler,  dessen  Gehirn  durch  Überarbeitung  ermüdet  ist,  nimmt
die  neuere  Physiologie  als  festgestellt  an,  daß  einmal  die  rohe  Kraft  der  Muskeln
herabgesetzt  sei,  dann  soll  die  Empfindlichkeit  der  Haut  für  Berührungen  an
den  verschiedenen  Stellen  des  Körpers  unter  die  Norm  herabgesetzt  und  schließlich
  die  Schmerzempfindlichkeit  zugleich  gesteigert  sein.  Mosso  will  mit  seinem
Ergographen,  einem  physiologischen  Apparate,  auf  dessen  nähere  Beschreibung
wir  hier  wegen  der  aus  Raummangel  nötigen  Kürze  der  Darstellung  ebensowenig
  eingehen  können,  als  auf  das  Griesbachsche  Ästhesiometer  (Empfindlichkeitsmesser)
  und  das  Algesiometer  (Schmerzmesser),  bei  geistig  ermüdeten
Schülern  dieselbe  Herabsetzung  der  Muskelkraft  festgestellt  haben,  wie  bei  durch
Körperarbeit  überanstrengten  Muskeln,  und  Griesbach  will  mit:  den  genannten
Apparaten  die  eingetretene  Ermüdung  des  Gehirns  durch  die  Veränderung  der
Funktionen  der  Hautnerven  leicht  beweisen  können.

Wenn  nun  auch  diese  Behauptungen  nicht  ohne  Widerspruch  von  anderer
Seite  geblieben  sind,  so  eröffnen  die  begonnenen  Untersuchungen  uns  ein  Gebiet,
  das  im  Interesse  der  Hygiene  des  Unterrichts  weiteren  Ausbaues  dringend
bedarf.  Viele  Hygieniker  und  Psychiater  sind  der  Ansicht,  daß  der  heutige
Schulbetrieb  auf  unseren  höheren  Schulen  vielfach  Anlaß  zur  Entstehung  von