Augenerkrankungen.  647

Augen  von  10000  Schulkindern.  Hieraus  geht  hervor,  daß  in  den  Dorfschulen
die  Myopie  nur  in  geringem  Grade  verbreitet,  in  den  städtischen  Elementarschulen,
  Bürgerschulen  und  höheren  Schulen  direkt  proportional  der  Länge  der
Schulzeit  zunimmt,  so  daß  in  den  höheren  Klassen  der  Gymnasien  und  Realschulen
  50—75°%,  und  selbst  noch  mehr  Prozente  der  Schüler  kurz-  und  schwachsichtig
  geworden  sind.

Daß  neben  unzureichender  Beleuchtung,  schlechte  Schreib-  und  Lesehaltung
in  ungeeigneten  Bänken,  fehlerhafter  Unterrichtsbetrieb,  Überanstrengung,  zu
kleiner  und  zu  undeutlicher  Druck  auf  das  sich  entwickelnde  Kindesauge  in  der
Richtung  wirkt,  daß  das  normale  Kindesauge  (denn  die  Kurzsichtigkeit  ist  unendlich
  selten  angeboren,  höchstens  besteht  zuweilen  bei  Kindern  kurzsichtiger
Eltern  eine  gewisse  Disposition  zur  Erwerbung  der  Kurzsichtigkeit)  so  verbildet
wird,  daB  sich  seine  Achse  verlängert,  und  nun  die  durch  die  Linse  erzeugten
Bilder  nicht  auf,  sondern  vor  die  Netzhaut  fallen,  ist  als  sicher  anzusehen.  —
Hier  sei  der  bei  Laien  weit  verbreiteten  Ansicht  entgegengetreten,  als  ob  die
Kurzsichtigkeit,  wenn  sie  durch  eine  passende  Brille  kompensiert  wird,  ein
irgendwie  bedeutungsvolles  Leiden  nicht  sei.  Zunächst  ist  das  Brillentragen
eine  große  Unbequemlichkeit  und  bei  vielen  Verhältnissen  eine  große  Behinderung;
  der  Kurzsichtige  ist  in  direkter  Abhängigkeit  von  einem  leicht  zerbrechlichen
  Instrumente,  dessen  Verlust  einen  Soldaten  z.  B.  wehrlos  macht.  Höhere
Grade  von  Kurzsichtigkeit  verhindern  das  Ergreifen  einer  ganzen  Reihe  von
Berufen;  ein  Kurzsichtiger  kann  nicht  gut  Maler,  Architekt,  Landmann,  Soldat,
Seemann  werden.  Was  aber  viel  bedenklicher  ist,  jede  Kurzichtigkeit  höheren
Grades  pflegt  im  Laufe  der  Zeit  zuzunehmen  und  sich  mit  allerhand  schwereren
Augenleiden  zu  komplizieren,  wie  Netzhautblutungen,  Netzhautablösungen,  Glaskörpertrübungen,
  die  zur  Erblindung  führen  können.  Die  Schule  hat  also  die
Pflicht,  alles  zu  tun,  um  die  Entstehung  der  Kurzsichtigkeit  zu  verhindern.  Zu
diesem  Zwecke  ist  auch  der  Zustand  der  Schüleraugen  von  Beginn  des  Schuleintrittes
  während  der  ganzen  Schulzeit  augenärztlich  zu  kontrollieren.  Dabei
wäre  auch  auf  Farbenblinde  zu  fahnden  und  ganz  besonders  noch  auch  auf  eine
Anomalie  der  Augen  zu  achten,  die  als  Astigmatismus  bezeichnet  wird.  Das
Wesen  dieses  gar  nicht  so  seltenen  Augenfehlers,  der  durch  eine  richtige  Brille
behoben  werden  kann,  besteht  darin,  daß  die  durchsichtige  Hornhaut  im  Äquator
und  im  Meridian  nicht  gleichmäßig  gekrümmt  ist.  Durch  den  Astigmatismus
entstehen  außer  Sehstörungen  lästige  Beschwerden  wie  Kopfschmerz,  Augenmüdigkeit,
  chronische  Bindehautentzündungen  u.  dgl.  —  Neben  den  erwähnten
Anomalien  der  Augen  stellen  entzündliche  Erkrankungen  der  Augenbindehaut
nicht  selten  lästige  Störungen  des  Schulbetriebes  dar.  In  unseren  östlichen
Provinzen,  besonders  in  Ostpreußen  und  Posen,  dann  aber  auch  in  Hessen-Nassau,
  Württemberg  usw.  treten  nicht  selten  Fälle  von  ägyptischer  Augenkrankheit,
  dem  sogenannten  Trachom,  auf.  Dieses  äußerst  langwierige,  zu  den
schwersten  krankhaften  Veränderungen  des  Sehorganes  führende  Leiden  hat
deshalb  den  Namen  der  ägyptischen  Augenkrankheit,  weil  Napoleons  Soldaten
in  Ägypten  von  dieser  Krankheit  in  zahllosen  Fällen  ergriffen,  bei  ihrer  Rückkehr