648  Wernioxz:  Schulhygiene.

aus  diesem  Lande  in  den  folgenden  Kriegszügen  die  Krankheit  durch  ganz
Europa  verschleppten.  Es  bilden  sich  dabei  in  frischen  Fällen  auf  der  Augenbindehaut
  der  Lider  froschlaichähnliche,  perlgraue  Körner,  die  der  Krankheit
auch  den  Namen  der  Körnerkrankheit  verschafft  haben.  Die  Krankheit  ist  ın
hohem  Maße  ansteckend.  Wenn  auch  der  eigentliche  ansteckende  Krankheitsstoff
  in  einem  bestimmten  Mikrobion  noch  nicht  gefunden  ist,  so  erfolgt  die
Übertragung  der  Krankheit  sicher  durch  die  schleimigen  und  eitrigen  Absonderungen
  der  erkrankten  Augenbindehaut,  namentlich  bei  gemeinsamem  Gebrauche
  von  Handtüchern,  Waschschüsseln  u.  dgl.,  aber  auch  bei  nahem  Zusammensein
  Kranker  mit  Gesunden  kann  das  Augensekret  z.  B.  durch  das  Berühren
  der  Hände  übertragen  werden.  Die  Krankheit  erfordert  in  allen  Fällen
eine  sorgfältige,  am  besten  spezialärztliche,  langdauernde  Behandlung  und  Beobachtung,
  und  die  erkrankten  Kinder,  deren  Augen  reichlich  Sekret  absondern,
sind  vom  Schulbesuch  auszuschließen.  Bei  einsetzender  zweckmäßiger  Behandlung
  pflegt  die  Ansteckungsgefahr  auf  ein  Minimum  herabzusinken.  Wichtig
für  die  Ausrottung  der  Krankheit  ist,  daß  auch  in  den  Familien  der  etwa
erkrankten  Kinder  Nachfrage  gehalten  wird,  ob  andere  Mitglieder  etwa  trachomkrank
  sind,  da  auch  die  geheilten  Kinder  aus  solchen  Familien,  wo  Trachomkranke
  sind,  den  Ansteckungsstoff  in  die  Schule  verschleppen  können.  Das
Trachom  erfordert  die  ernsteste  Beachtung  auch  seitens  der  Lehrer.  Nicht
selten  tritt  in  der  heißen  Sommerszeit  in  Schulen  der  gewöhnliche  sogenannte
follikuläre  Bindehautkatarrh  in  zahlreichen  Fällen  auf.  Die  Erkrankung  hat
im  Anfangsstadium  eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  dem  Trachom  und  hat  gelegentlich
  große  Erregung  hervorgerufen,  weil  sie  mit  der  schweren  ägyptischen
Augenkrankheit  verwechselt  worden  ist.  Der  gewöhnliche  follikuläre  Sommerkatarrh
  verläuft  aber  durchaus  milde,  und  die  Erkrankung  heilt  meist  in
kurzer  Zeit.

Den  Erkrankungen  und  der  Hygiene  des  Gehörorganes  pflegt  in  den
Schulen  meist  weniger  Aufmerksamkeit  zugewendet  zu  werden  als  denen  der
Augen.  Es  ist  das  auch  natürlich,  weil  geringere  Störungen  des  Gehörorganes
viel  weniger  häufig  entdeckt  werden  und  sich  weniger  deutlich  bemerkbar  machen
als  die  des  Sehorganes.  Und  doch  sind  Erkrankungen  und  Anomalien  des
Gehörorganes  verhältnismäßig  häufig,  und  sie  führen  nicht  selten  zu  sehr  schweren
Störungen  der  Gesundheit,  ja  selbst  zu  Todesfällen.  Die  Schwerhörigkeit,  selbst
die  geringeren  Grades,  ist,  wie  noch  wenig  bekannt,  für  den  Schulbetrieb  ein
sehr  störendes  Leiden.  Der  damit  behaftete  Schüler  macht  oft  den  Eindruck
eines  beschränkten  und  faulen  Schülers,  weil  ein  erschwertes  Hören  das  Verstehen
  und  Auffassen  ganz  außerordentlich  behindert.  Lehrern,  Eltern  und
Schülern  ist  das  Vorhandensein  des  Leidens  oft  nicht  bekannt.  Und  doch  ist  es
so  leicht  Schwerhörigkeit  festzustellen:  Ein  Schüler,  der  Flüstersprache  bei  zugewandtem
  ÖOhre  nicht  auf  16  m  noch  sicher  versteht,  hat  nicht  volle  Hörweite
und  ist  als  schwerhörig  zu  betrachten.  Prüft  man  so  die  Schüler  durch,  so
findet  man  in  vielen  Schulen  ',—!,  weniger  gut  hörende  Schüler  und  findet
zu  seiner  Überraschung,  daß  anscheinend  weniger  begabte  und  unfleißige  Schüler