Ohrenkrankheiten  und  Infektionskrankheiten.  649

oft  mit  mangelhaftem  Gehörorgan  ausgestattet  sind.  Der  Grund  zu  der  weitverbreiteten
  Schwerhörigkeit  ist  der,  daß  viele  infektiöse  Schulkrankheiten  wie
Masern,  Scharlach,  Diphtherie  und  Keuchhusten  mit  einer  Affektion  des  Mittelohres
  einhergehen  und  dauernde  Störungen  hinterlassen;  dann  scheinen  die
Kinder  tuberkulöser  Eltern  eine  besondere  Neigung  zu  Mittelohrerkrankungen
zu  besitzen,  ebenso  wie  vielfach  bei  skrofulösen  Kindern  Ohrkrankheiten  vorhanden
  sind.  Dann  erzeugt  die  außerordentlich  häufig  bei  Kindern  vorhandene
Wucherung  der  Rachenmandel,  dadurch  daß  die  Rachenöffnungen  der  Eustachischen
  Ohrtrompete  verlegt  werden,  Störungen  im  Gehörapparat.  Nicht  selten
entstehen  entzündliche  Zustände  im  Mittelohr  dadurch,  daß  beim  Baden  Wasser
in  die  Gehörgänge  oder  vom  Munde  her  ins  Mittelohr  gelangt  und  leider  haben
gar  nicht  selten  Schläge,  wie  Ohrfeigen  gegen  den  Kopf,  heftiges  Zerren  an  der
Ohrmuschel,  das  Hineinschreien  ins  Ohr,  sowie  in  den  äußeren  Gehörgang  gelangte
  Fremdkörper  entzündliche  Zustände  des  so  äußerst  fein  konstruierten
Gehörapparates  zur  Folge.

Wie  ein  Mangel  des  Hörens  Mangel  des  Auffassens  bedingt,  so  leidet  beim
Schwerhörigen  Stimm-  und  Sprachbildung  außerordentlich.  Lehrer  und  Schulärzte
  haben  also  dem  Gehörorgane  der  Schüler  die  größte  Aufmerksamkeit
zuzuwenden.  Regelmäßige  Hörprüfungen  sind  anzustellen  und  schwerhörige
Schüler  so  zu  setzen,  wie  es  die  Hörweite  ihres  Ohres  verlangt.

Das  lästige  Übel  des  Stotterns  und  Stammelns  ist  durch  spezialistische
Behandlung  und  individualisierende  Beeinflussung  des  Kranken  tunlichst  zu
heben,  leider  sind  eine  ganze  Zahl  von  Stotterern  nicht  vollkommen  heilbar.

1.  Hygiene  der  Infektionskrankheiten.  Je  klarer  es  bei  allen
übertragbaren  Krankheiten  geworden  ist,  daß  der  erkrankte  oder  der  in  dem
sogenannten  Inkubationsstadium  einer  ansteckenden  Krankheit  stehende  Mensch
das  Zentrum  eines  Infektionsherdes  bildet,  von  dem  aus  unmittelbar  oder
durch  Zwischenträger,  wie  Menschen,  größere  Tiere  und  Insekten  (Fliegen,
Mücken,  Wanzen,  Flöhe,  Läuse  usw.)  oder  Kleider,  Sachen  und  Gebrauchsgegenstände,
  durch  Nahrungsmittel,  namentlich  Milch  und  Wasser,  der  vom  Kranken
ausgehende  Ansteckungsstoff  übertragen  wird,  um  so  größer  erscheint  die  Bedeutung
  der  frühzeitigen  Erkennung  der  Krankheit  und  die  Verhütung  der  Verschleppung
  des  Ansteckungsstoffes  vom  Kranken  durch  Isolierungs-  und  Desinfektionsmaßnahmen.


Wer  diese  Art  und  Weise  der  Verbreitung  der  Infektionskrankheiten  anerkennt,
  die  samt  und  sonders  durch  pflanzliche  oder  tierische  infektiöse
Mikroben  bedingt  werden,  die  den  gesunden  Körper  befallen,  durch  ihre  Vermehrung
  im  Körper  die  Krankheit  bedingen  und  einige  Zeit  vor,  während
und  einige  Zeit  nach  der  Krankheit  von  dem  befallenen  Körper  in  die  Umgebung
  ausgeschieden  werden,  der  muß  zugeben,  daß  die  Schule,  in  der  Kinder
aus  so  vielen  Häusern  täglich  viele  Stunden  im  allernächsten  persönlichen  Verkehre
  miteinander  stehen,  besonders  geeignet  sein  muß,  zur  Verbreitung  ansteckender
  Krankheiten  zu  dienen.  Und  so  ist  es  in  der  Tat.  Masern,  Röteln,
Scharlach,  Keuchhusten,  Diphtherie,  Ziegenpeter,  Windpocken,  die