Masern,  Scharlach,  Diphtherie.  651

gemeinen  für  die  Verbreitung  hygienischer  Kenntnisse  und  im  besonderen  für
solche  über  die  ansteckenden  Krankheiten  sorgt.  In  Preußen  sterben  alle
Jahre  120000  Menschen  an  ansteckenden  Krankheiten.  Diese  Todesfälle  könnten
durch  strenge  Durchführung  der  Seuchenbekämpfungsmaßnahmen  um  die
Hälfte  vermindert  werden.  Und  wir  dulden  es,  daß  vielfach  nichts  gegen  die
Ausbreitung  der  Krankheiten  geschieht,  weil  eben  die  richtige  Vorstellung  über  die
Möglichkeit  der  Verhütung  solcher  Krankheiten  den  breiten  Schichten  unseres
Volkes  noch  vollkommen,  ebenso  wie  ein  Verantwortlichkeitsgefühl  für  diese
groben  Unterlassungen  fehlt?  (Gegen  Feuersgefahr  sind  überall  Maßnahmen
eingeführt,  gegen  die  unendlich  schlimmeren  Gefuhren  seitens  der  ansteckenden
Krankheiten  will  man  mit  Isolierung  und  Desinfektion  noch  immer  nicht  genügend
  vorgehen!

So  sind  denn  diese  Maßnahmen  durchzuführen.

Selbst  bei  den  meist  recht  milde  verlaufenden  Röteln  sind  die  Erkrankten
auf  etwa  14  Tage  vom  Schulbesuch  auszuschließen.

Die  an  sich  häufig  so  bösartig  verlaufende  Scharlachkrankheit,  die  dadurch
für  Gesundheit  und  Leben  noch  an  Furchtbarkeit  zunimmt,  daß  sie  so  häufig
Komplikationen  und  Nachkrankheiten,  wie  Hals-,  Nieren-  und  Mittelohrentzündungen,
  im  Gefolge  hat,  verdient  die  ernsteste  Beachtung.  Ist  doch  die  Sterblichkeit
  an  Scharlach  eine  so  hohe,  daß  gar  nicht  selten  30  %,  und  mehr  der
Erkrankten  zugrunde  gehen.  Daher  ist  es  durchaus  notwendig,  die  Erkrankten
vollkommen  zu  isolieren,  vor  Ablauf  von  6  Wochen  nach  Beginn  der  Krankheit
  die  Kinder  zur  Schule  nicht  zuzulassen  und  strenge  Desinfektion  des  Körpers
  und  der  Wohnung  zu  verlangen.

-  Geradeso  ist  bei  der  Diphtherie  zu  verfahren.  Bei  dieser  Krankheit  haben
unsere  Bekämpfungsmaßnahmen  aber  die  glücklichste  Bereicherung  dadurch  erfahren,
  daß  wir  die  Krankheitsursache  in  dem  Löfflerschen  Bazillus  ganz  genau
  kennen  und  wissen,  daß  der  Krankheitserreger  in  vielen  Fällen  noch  wochenlang
  im  Halse  der  Genesenen  im  ansteckungsföhigen  Zustande  sich  findet.  Da
nun  der  Nachweis  des  Erregers  ein  leichter  ist,  so  muß  die  Schule  verlangen,
daß  ihr  ärztlicherseits  bescheinigt  wird,  daß  dus  erkrankt  gewesene  Kind  den
Bazillus  nicht  mehr  im  Munde  (oder  im  Nasenschleim)  hat.  Die  frühere
Furchtbarkeit  der  Krankheit  ist  durch  das  Behringsche  Diphtherieheilserum
zum  großen  Teil  beseitigt,  das  die  Krankheit  so  gut  wie  sicher  zur  Heilung
bringt,  wenn  es  nur  in  hinreichender  Dosis  und  frühzeitig  zur  Anwendung
kommt.  Das  Heilserum  gewährt  außerdem  bei  gesunden,  aber  der  Ansteckungsgefahr
  ausgesetzten  Kindern,  in  kleiner  Menge  von  !/,  ccm  unter  die  Haut
eingespritzt,  für  14—20  Tage  einen  Schutz  vor  Erkrankung.  Diese  Schutzimpfungen
  sind  vollkommen  ungefährlich  und  erweisen  sich  als  notwendig  bei
bösartigen  und  ausgebreiteten  Diphtherieepidemien;  selbst  mehrmalige  im  Zeitraum
  von  14  Tagen  bis  3  Wochen  zu  wiederholende  Serumeinspritzungen
können  von  mir  bei  längerer  Dauer  einer  Epidemie  als  vollkommen  unschädlich
und  dabei  sicheren  Schutz  gewährend  empfohlen  werden.  Die  Schule  hätte  die
Aufgabe,  auf  die  Nützlichkeit  und  vollkommene  Unschädlichkeit  solcher  Impfungen