Turnen  und  Jugendspiel.  655

sind  daher  mit  Maß  zu  betreiben.  Auch  das  Gerätturnen  ist  vielfach  noch  zu
gekünstelt  und  erfordert  auch  große  geistige  Aufmerksamkeit,  um  die  komplizierten
  Übungen  richtig  und  gefahrlos  ausführen  zu  können.  Der  Körper  hat
sich  dem  Geräte  anzupassen.  Zur  Ausbildung  bestimmter  Muskelgruppen  ist
das  Gerätturnen  zweckmäßig,  aber  eine  gleichmäßige  Ausbildung  des  ganzen
Körpers  gewährt  es  nicht  in  dem  Maße,  als  das  fröhliche  ausgelassene  Jugendspiel
  in  seinen  zahllosen  Formen.  Das  Geräteturnen  erfordert  auch  vielfach
langen  Aufenthalt  in  oft  sehr,  sehr  staubigen  Turnhallen;  ein  solches  Turnen
kann  anstatt  Kräftigung  des  Körpers  Schädigungen  hervorrufen.  Hier  sei  hervorgehoben,
  daB  zunächst  unsere  deutschen  Jugendspiele  viel  abwechselungsreicher
  gestaltet  werden  können  als  die  unserer  Eigenart  zumeist  fremden  englischen
  Spiele,  die  außerdem  meist  Sportkleidung  und  mannigfache  Geräte
erfordern.  Im  Spiel  wie  im  Liede  drückt  sich  der  Charakter  einer  Nation  aus,
und  darum  sei  auf  den  deutschen  Schulen  neben  dem  deutschen  Liede  das
deutsche  Spiel  gepflegt.  Alle  Spiele  haben  den  großen  hygienischen  Vorteil,
daß  sie  in  Gottes  freier  Natur  ausgeübt  werden  können.  Der  erziehliche  Wert
der  Spiele  ist  dem  des  Turnens  nicht  nur  gleich,  sondern  weit  überlegen;  im
frischen  Jugendspiel  weicht  Schlaffheit,  Zaghaftigkeit  und  verstecktes  Wesen;
Blasiertheit  und  Überhebung  sind  beseitigt,  die  Schüler  werden  gute  Spielkameraden.
  Geschicklichkeit,  Entschlossenheit,  Geistesgegenwart,  Tatkraft,  Mut
und  Ausdauer  werden  im  Spiel  gewonnen  und  gestärkt.  Es  gibt  keine  bessere
Herz-  und  Lungengymnastik  als  fröhlich  betriebenes  Jugendspiel.  Zu  verlangen
wäre  nur,  daß  namentlich  in  den  Großstädten  schöne  umfangreiche  Spielplätze
für  die  Jugend  und  auch  für  Erwachsene  zur  Verfügung  gestellt  würden.
Frisch,  frei,  froh,  fromm  betriebene  Turnstunden  können  unbedenklich  in  den
Stundenplan  zwischen  andere  Stunden  verlegt  werden,  wenn  die  körperliche
Anstrengung  nur  nicht  zu  groß  gestaltet  wird;  am  besten  wird  die  Turmstunde
in  die  letzte  Vormittagsstunde  verlegt.  Da  Sportausübung  körperliche  Höchstleistungen
  verlangt,  so  ist  damit  schon  gesagt,  daB  eigentlicher  Sport  sich  für
die  heranwachsende  Jugend  nicht  eignet,  denn  ein  sich  entwickelnder  Körper
kann  ohne  Schaden  solche  Höchstleistungen  nicht  aushalten.  Wenn  daher  auf
der  Schule  eigentlicher  Sport  auch  nicht  getrieben  werden  soll,  so  ist  Schwimmen,
  Rudern,  Schlittschuhlaufen,  Tanzen,  Reiten,  Fechten  für  die  Schuljugend
durchaus  empfehlenswert;  Rudern  und  Schlittschuhlauf  sind  vielleicht  die
hygienisch  besten  Übungen.  Schulausflüge  und  Wanderfahrten  verbunden  mit
naturwissenschaftlichenı  Unterricht  sind  durchaus  zu  empfehlen;  auf  solchen
Ausflügen  sind  Alkoholika  zu  vermeiden  wie  bei  allen  Jugendspielen  usw.  Die
Jugendspiele  bieten  weiter  noch  den  Vorteil,  daß  auch  körperlich  schwache
Kinder  sich  daran  beteiligen  können,  während  vom  Turnunterricht  manche
schwächlichen  Kinder  dispensiert  werden  müssen.  Im  ganzen  sei  man  mit  dem
Dispensieren  vom  Turnen  und  Spielen  nicht  gleich  bereit,  da  gerade  dem
Schwächlichen  mit  Maßen  betriebene  Körperübungen  nützen.  Natürlich  werden
aber  Kinder  mit  Herzfehlern  u.  dgl.  berücksichtigt  werden  müssen.
Radfahren  auf  passenden  Rädern  mit  nicht  zu  großer  Übersetzung  und