660  Avrzr:  Geschichte.

Melanchthon  schätzte  den  Wert  der  Geschichte  sehr  hoch.  Ihr  Studium  sei  ersprießlich
  für  Haus-,  Gemeinde-  und  Staatsverwaltung.  Deshalb  verlangt  er  in  seinem  Erziehungsplane
  für  Herzog  Johann  Friedrich  von  Pommern  eine  ausgiebige  Einführung  in  die  Geschichte
  an  der  Hand  von  alten  und  neuen  Autoren.  Ohne  Kenntnis  der  Geschichte  ist  ihm
das  Menschenleben  eine  oewigdauernde  Kindheit,  eine  Finsternis  und  Blindheit.  Luther  stand
in  seinem  Urteile  über  die  Geschichte  unter  dem  Einflusse  seines  Freundes.  Die  Historienschreiber
  sind  ihm  die  allernützlichsten  Leute  und  besten  Lehrer.  ‘Denn  was  die  Philosophie,
  weise  Leute  und  die  ganze  Vernunft  lehren  und  erdenken  kann,  das  zum  ehrlichen
Leben  nützlich  sei,  das  gibt  die  Historie  mit  Exempel  und  Geschichten  gewaltiglich.’  Für
ihn  allerdings  ist  die  Geschichte  wesentlich  eine  Fundgrube  belehrender  Beispiele,  während
in  ihrer  Kenntnis  der  Praeceptor  Germaniae  außerdem  einen  unerläßlichen  Bestandteil
höherer  Bildung  sieht.

Melanchthon  hat  sich  vor  allem  um  den  Geschichtsunterricht  verdient  gemacht  durch
die  Revision  der  in  deutscher  Sprache  geschriebenen  Chronik  Joh.  Carions.  Das  Buch  fand,
obschon  es  nur  eine  lockere  Zusammenfassung  des  geschichtlichen  Stoffes  enthält,  bald
weite  Verbreitung.  Melänchthon  veranstaltete  eine  lateinische  Neubearbeitung,  die  sein
Schwiegersohn  Peucer  bis  auf  Maximilian  L  fortführte.  Er  hat  ihr  eine  Übersicht  der
reformatorischen  Bewegung  hinzugefügt.  Dieses  ‘Chronicon  Philippi’  wurde  ins  Deutsche,
Französische  und  Englische  übertragen.  Viel  mehr  Verbreitung  und  Einfluß  gewann  das
15566  erschienene  Buch  des  Joh.  Sleidanus,  De  IV  monarchiss  oder  de  IV  summis  imperiis,
das  bis  in  den  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  in  Gebrauch  war  und  über  70  Auflagen  erlebte.
Sleidanus  beabsichtigte,  ein  Lehrbuch  für  die  Jugend  zu  schreiben,  und  hat  diesen  Zweck
nirgends  aus  dem  Auge  verloren.  Glückliche  Auswahl  des  Stoffes,  Selbständigkeit  und
Gründlichkeit  werden  dem  Werke  nachgerühmt.  Beide  Bücher  aber  stehen  im  Banne  der
theologischen  Geschichtsanschauung  jener  Zeit,  nach  der  sich  die  Universalgeschichte  in  der
Geschichte  der  vier  Reiche  Daniels  abspinnt,  deren  letztes  das  römische  ist,  in  dem  die
Verfasser  leben,  nach  dessen  Untergang  das  Ende  der  Dinge  eintritt.

Trotzdem  ist  von  einem  besonderen  Geschichtsunterricht  in  den  gelehrten  Schulen
kaum  die  Rede.  Die  von  Melanchthon  verfaßte  kursächsische  Schulordnung  vom  Jahre  1526
erwähnt  ihn  nicht,  ebensowenig  kennen  ihn  die  hessischen  Schulen,  für  die  jener  Plan  maßgebend
  war,  und  das  Straßburger  Gymnasium  Sturms.  Es  blieb  zunächst  im  wesentlichen
bei  der  Lektüre  alter  Historiker,  besonders  des  Justin.  Aber  es  wäre  ein  Wunder  gewesen,
wenn  sich  nicht  Melanchthons  und  Sleidanus’  Leitfäden  endlich  einen  Platz  in  der  Schule
erobert  hätten,  besonders  da  sie  in  gutem  Latein  geschrieben  waren,  so  am  Gymnasium  zu
Stralsund  (1591),  wo  in  der  Prima  beide  Bücher  in  zwei  Wochenstunden  gelesen  wurden,  dazu
Sleidanus’  Commentarii  und  Philipp  de  Commines’  bedeutsames  Geschichtswerk,  zu  denen
von  den  Alten  Cäsar  und  Sallust  traten.  Ähnlich  wurde  es  in  anderen  Schulen  gehalten.
Recht  bezeichnend  ist  es,  daß  die  sächsisch-koburgsche  Schulordnung  von  1605  (1621)  für
die  Lektüre  des  Sleidanus  nur  eine  Wochenstunde  in  der  Prima  ansetzt,  und  zwar  singuları
autorstate  sllustrissimi  Principis,  und  die  Schulordnung  des  Rats  zu  Braunschweig  vom  Jahre  1596
in  einem  Atem  mit  der  Lektüre  des  Vergil,  Homer,  Demosthenes  und  des  Neuen  Testaments
die  von  Sleidanus,  de  IV  monarchiis,  fordert,  ‘inmaßen  wir  diese  büchlein  fast  alle  in  furnehmen
  und  wolbestellten  schulen  hin-  und  herwieder  finden’.  Einsum-  steht  Heinrich
Theodor  in  Sorau,  der  an  seiner  Schule  Geschichte  lehrte.  Sein  Schüler  Mich.  Neander  beschränkte
  sich  nicht,  wie  Mycillus  in  der  Ordnung  für  die  Frankfurter  lateinischen  Schulen
(1537),  auf  eine  mit  Melanchthons  Argumenten  gestützte  Empfehlung  des  Geschichtsstudiums,
sondern  gewährte  dem  Fache  an  der  Ilfelder  Klosterschule  einen  besonderen  Platz.  In
seinen  ‘Bedenken,  wie  junge  Knaben  zu  führen  usw.’  dringt  er  entschieden  darauf,  daß
man  mit  den  formalen  Disziplinen,  der  Dialektik  und  Rhetorik,  maßhalte  und  die  Schüler
von  17  und  18  Jahren  zwei  Jahre  lang  an  verschiedenen  Tagen  und  Stunden  in  eine  zusammenhangende
  Übersicht  der  Geschichte  bis  auf  unsere  Tage  einführe.  Er  selbst  hat
im  Jahre  1582  ein  kurzes  universalgeschichtliches  Kompendium  herausgegeben.

Über  die  Behandlung  des  Stoffes  und  die  Ziele  des  Unterrichtes  geben  die  erwähnte