Die  Zeit  vom  30jährigen  Kriege  bis  1740.  661

Stralaunder  und  die  Breslauer  Schulordnung  vom  Jahre  1580  die  beste  Auskunft.  Die
Bücher  Sleidans  wurden  übersetzt  wie  sonst  ein  Autor;  von  einem  Vortrag  des  Lehrers  ist
nicht  die  Rede,  ja  man  benutzt  den  Historiker  zum  Zwecke  der  Erlernung  der  lateinischen
  Sprache  und  als  eine  Fundgrube  für  Deklamations-  und  Disputationsübungen.

‘Im  ganzen  galt  in  dem  ganzen  Zeitalter  die  Auffassung:  die  Schule  lehrt  die  Sprachen,
die  Universität  die  Wissenschaften’  (Paulsen).  Das  alles  überragende  Ziel  des  Unterrichtes
war  die  lateinische  Eloquenz.  Insofern  die  Autoren  es  übermitteln  oder  zu  ihrer  Erklärung
erheischen,  wurde  Geschichtswissen  überliefert.  So  war  sein  Erwerb  dem  zufälligen  Gange
der  Lektüre  überlassen  und  die  Kenntnisse  mußten  sehr  lückenhaft  bleiben,  besonders  über
Mittelalter  und  spätere  Zeit.  Immerhin  aber  ist  eine  Steigerung  geschichtlicher  Belehrung
auf  den  Lateinschulen  um  die  Wende  des  16.  und  17.  Jahrhunderts  und  der  leise  Übergang
zu  der  Unterrichtspraxis  der  Zeit  nach  dem  großen  deutschen  Kriege  nicht  zu  verkennen.

Die  Zeit  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege  bis  zum  Regierungsantritt
Friedrichs  des  Großen.  Trotz  des  Daniederliegens  des  Öffentlichen  Lebens  hat  das
Zeitalter  einen  bedeutenden  Fortschritt  in  der  Geschichtswissenschaft  aufzuweisen.  Die
Hilfswissenschaften  fanden  eifrige  Pflege,  die  historische  Kritik  der  Centuriatoren  wurde
auf  die  Profangeschichte  übertragen  und  wohl  unter  dem  Einfluß  der  Schriften  Jean  Bodins
vertieft.  Die  pragmatische  Geschichtschreibung  trat  in  Deutschland  damals  ins  Leben.

Nicht  unwesentlich  ist  es,  daß  nach  dem  allerdings  unbeachteten  Vorgange  Machieavellise
  und  nachdem  Jean  Bodin  an  der  Theorie  der  vier  Weltmonarchien  einschneidende
Kritik  geübt,  Cellarius  mit  der  Gruppierung  des  universalgeschichtlichen  Stoffes  in  alte,
mittlere  und  neuere  Geschichte  hervortrat,  wie  sie  mit  geringen  Änderungen  noch  heute
anerkannt  wird.  Das  Altertum  beschließt  er  mit  Konstantin,  das  Mittelalter  mit  der  Eroberung
  Konstantinopels  durch  die  Türken.

Die  Zeitgeschichte,  begreiflicherweise  anfangs  vernachlässigt,  fand  in  den  Taten  des
Großen  Kurfürsten  einen  würdigen  Gegenstand,  den  Pufendorf  in  seinem  Hauptwerke  behandelte.
  Leibniz  entwickelte  als  Herausgeber  mittelalterlicher  Quellen  und  als  Geschichtsschreiber
  eine  höchst  fruchtbare  Tätigkeit;  überall  dringt  er  auf  exakte  Forschung  und
Zurückgehen  auf  die  ersten  Quellen.  Etwas  später  erschien  Mascovs  ‘Geschichte  der
Teutschen’  und  Bünaus  ‘Genaue  und  umständliche  Teutsche  Kaiser-  und  Reichshistorie’,
beides  Werke  sorgsamster  Forschung.  Diese  drei  Männer  haben  der  Bevormundung  der
Geschichtschreibung  durch  Theologie  und  Staatsrecht  ein  Ende  bereitet.

In  den  Anschauungen  über  den  Wert  der  Geschichte  hat  sich  eine  Wandlung  vollzogen.
  Man  tut  unrecht,  den  größten  Förderer  der  historischen  Wissenschaft  seiner  Zeit
auf  eine  wahrscheinlich  in  recht  jungen  Jahren  geäußerte,  abfällige  Ansicht  von  der  Geschichte
  festzunageln;  er  hatte  eine  hohe  Meinung  von  ihrem  Werte.  Sie  ist  ihm  eine  Lehrmeisterin
  fürs  Leben,  sie  spornt  uns  an,  durch  unsere  Taten  dem  kommenden  Geschlecht
ein  nachahmungswürdiges  Beispiel  zu  setzen,  sie  lehrt  uns  die  Gegenwart  aus  der  Vergangenheit
  erklären.  In  ihr  offenbart  sich  vor  allem  das  Gesetz  der  Kontinuität.  Ja,  wem  die
heilige  und  Profangeschichte  unbekannt  ist,  der  kann  die  göttliche  Offenbarung  nicht  begreifen.
  Pufendorf  betrachtet  die  Geschichte  mehr  als  eine  Vorschule  für  die  Staatskunst,.
Dazu  aber  scheint  ihm  die  alte  viel  weniger  geeignet  als  die  neuere  Geschichte  des  Vaterlandes
  und  der  benachbarten  Stasten.  Ähnlich  denkt  Bünau:  es  sei  ‘vornehmlich  darauf
zu  sehen,  was  die  Geschichte  in  politischen  Betrachtungen  und  Untersuchungen  des  Staatsrechts
  und  endlich  in  der  Verbesserung  der  Sitten  und  Kenntnis  des  Weltlaufes  Vorteil
schaffen  könne’.  Also  nicht  als  eine  Fundgrube  von  Beispielen  für  die  Moralphilosophie,
sondern  lediglich  als  eine  Schule  für  das  Leben  betrachten  sie  die  Geschichte,  und  die
Zeitgenossen  stehen  auf  ihrer  Seite.

Auch  die  politischen  Verhältnisse  waren  der  Betonung  des  Geschichtsunterrichte
förderlich.  Die  Wiederaufrichtung  unseres  Volkes  konnte  nach  dem  endgültigen  Zusammenbruche
  der  Kaisergewalt  und  bei  dem  Niedergang  der  Städte  nur  von  den  Fürsten
ausgehen,  die,  dem  Beispiele  des  Sonnenkönigs  folgend,  ihre  Gebiete  politisch  und  wirt-