Die  Zeit  vom  80jährigen  Kriege  bis  1740.  663

1745/46  ersehen  wir,  daß  wöchentlich  zehn  Stunden  auf  Universal-,  Kirchen-  und  andere
Reichshistorie  verwendet  wurden.

Allmählich  bequemten  sich  auch  die  großen  Gelehrtenschulen  !)  den  immer  dringender
auftretenden  Forderungen  der  Zeit  an.  So  verlangt  die  Ordnung  des  Gymnasiums  zu  Baireuth
  vom  Jahre  1664,  “daß  das  hochnötige  Studium  historiae,  tam  sacrae,  quam  profanae,
welche  gemeiniglich  sehr  schlecht  in  den  Schulen  beobachtet  und  tractieret  wird...  mit
rechtschaffenem  Ernste  getrieben  werde’.  Daß  die  deutsche  Geschichte  hintangesetzt  werde,
wird  sehr  mißbilligt  und  angeordnet,  daß  sie  aus  alten  und  neuen  Autoren  in  zwei  oder
drei  Stunden  gelehrt  werde.  Dabei  soll  die  alte  Geschichte  nicht  etwa  gänzlich  beiseite
gesetzt,  sondern  die  alten  Schriftsteller  zweckentsprechend  gelesen  werden.  Nicht  soll  man,
wie  bisher,  bei  dieser  Lektüre  die  gute  Zeit  mit  Diktieren  von  Phrasen  zubringen  und  die
Jugend  beschweren.  Die  Rücksicht  auf  das  exercstium  styli  wird  entschieden  zurückgewiesen.
Der  Stundenplan  des  Gymnasium  Aegidianum  zu  Nürnberg  (1696),  das  schon  von  Franckeschen
  Ideen  beeinflußt  ist,  setzt  für  alle  Klassen  Geschichte  an.

A.  H.  Francke  legte  auf  den  geschichtlichen  Unterricht  besonderes  Gewicht.  Nicht
nur  zu  rechtschaffenen  Christen  wollte  er  seine  Schüler  heranbilden,  sondern  auch  zu  praktischen
  Menschen.  Auch  wer  nicht  studiere,  habe  allgemeine  Geschichtskenntnisse  nötig
und  müsse  mit  den  Einrichtungen  seiner  Heimat  und  seines  Vaterlandes  vertraut  sein,
‘wofern  er  ein  verständiger  und  dem  gemeinsamen  Wesen  nützlicher  Mann  werden  will’.
Dem  geographischen  Unterricht  weist  er  die  Besprechung  von  Zeitungen  zu.  Die  gräflich
  waldecksche  Schulordnung  sieht  den  Endzweck  des  Faches  neben  der  Notitia  rerum
gestarum  in  der  Prudentia  politica.  Im  Pädagogium  war  Bunos  Idea  Historiae  in  Gebrauch
mit  ihren  unsäglich  abgeschmackten  Bildern,  besonders  um  der  letzteren  willen,  da  durch
sie  der  Jugend  die  Einprägung  der  Zeittafeln  erleichtert  werde.  Die  biblische  Geschichte,
in  deren  Rahmen  man,  wie  aus  Freyers  Vorschriften  zu  ersehen,  die  gleichzeitige  alte  Geschichte
  einschachtelte,  wurde  weitläufiger  behandelt.  In  der  politischen  Geschichte  sollte
jedes  Reich  besonders  genommen  werden,  damit  eine  jegliche  Spezialgeschichte  in  ihrem
Zusammenhang  vorgetragen  werden  könne.  Dem  Lehrer  wird  eingeschärft,  daß  er  sich
den  Stoff  wohl  einteile,  damit  er  bei  vier  Vortrags-  und  zwei  Wiederholungsstunden  in  der
Woche  in  sechzehn  (!)  Wochen  auskomme,  und  weil,  was  hier  besonders  betont  werden
mag,  die  zwei  letzten  Jahrhunderte  die  meiste  Zeit  erforderten.

Freyer  erschienen  diese  Forderungen  mit  Recht  zu  hoch.  In  seiner  ‘verbesserten  Methode
des  Pädagogiums’  vom  Jahre  1721  beschränkt  er  den  Unterricht  auf  die  Universalgeschichte
nach  dem  Grundsatze  non  multa  sed  multum.  Es  ist  hervorzuheben,  daß  er  die  Vorschrift
Franckes,  die  Landkarte  fleißig  im  Geschichteunterrichte  zu  gebrauchen,  verschärfte:  "Zur
Historie  wird  niemand  admittieret,  der  nicht  vorher  in  der  Geographie  das  Seinige  getan,
weil  man  ohne  diese  in  jener  nicht  fortkommen  kann.’  Von  Geschichte  einzelner  Staaten
und  der  Betonung  der  neuesten  Geschichte  ist  keine  Rede,  wenn  auch  der  Unterricht  auf
die  Gegenwart  herabgeführt  wurde.  Freyer  hat  das  Verdienst,  durch  seine  Lehrbücher  die
Idea  Bunos  verdrängt  zu  haben.

Die  Erziehungsgrundsätze  des  Pädagogiums  fanden  rasche  Verbreitung.  Die  von
Gesner  revidierte  braunschweigisch-lüneburgische  Schulordnung  vom  Jahre  1787  schreibt  für
die  Gymnasien  einen  Geschichtsunterricht  nach  Freyerschem  Muster  vor.  Gesner  betont,
daß  gerade  die  Annehmlichkeit  der  historischen  Studien  dazu  führe,  auf  den  Universitäten
nachzuholen,  was  auf  der  Schule  versäumt  worden  sei.  Hier  komme  es  nicht  so  sehr  darauf
an,  die  Historie  selbst  zu  behandeln,  als  geographische  und  chronologische  Fächer  in  dem
Gedächtnis  zu  bereiten,  in  die  künftig  die  Geschichte  verteilt  werden  könne.  Für  Geographie
und  Geschichte  wurden  ein  paar  Wochenstunden  für  genug  erachtet,  dafür  aber  zog  sich  der
Unterricht  durch  mehrere  Jahrgänge  hin.  Zuerst  sollten  unter  Zugrundelegung  von  Tabellen
die  allerwichtigsten  der  darin  verzeichneten  Geschehnisse  erzählt  und  alles,  was  in  lateinischen
  Historikern  gelesen  worden  ist,  “an  seinen  Ort’  gebracht  werden.  Durch  fleißiges

1)  Über  die  Modernisierung  der  Gelehrtenschulen  siehe  Paulsen  I  3,  8.  550ff.