Aufklärung  und  Neuhumanismus.  665

würde,  wenngleich  diese  Erkenntnis  keinen  Nutzen  hätte’.  Jener  Standpunkt  führte  zur
Verleugnung  jeder  religiösen  und  nationalen  Eigenart;  nur  Menschen  und  Europäer  wollten
  die  Philanthropisten  heranbilden.  Andererseits  scheuten  sie  sich  nicht,  ihren  erziehlichen
  Zwecken  zuliebe  ganze  Zeiträume  auszuschalten,  ein  Verfahren,  das  den  Inhalt  des
Unterrichts  verfälschen  mußte.  Genauere  Zeitangabe  und  chronologische  Ordnung  sind
Basedow  Nebensache.  Er  will  die  Begebenheiten  nach  dem  Gesichtspunkte  des  Zweckes
und  Gebrauches  sammeln,  wie  merkwürdige  Exempel  dieser  oder  jener  Tugend,  dieses  und
jenes  Lasters.  Der  Stoff  muß  so  bemessen  sein,  daß  ihn  die  Schüler  vom  15.  bis  zum
20.  Jahre  bewältigen  können.

Ein  entschiedener  Fortschritt  ist  in  der  Methodik  zu  verzeichnen.  Wie  Francke  und
Freyer  haben  die  Philanthropisten  die  Geographie  als  unerläßliche  Hilfswissenschaft  für
die  Geschichte  bezeichnet  und  betrieben.  Neu  ist,  daß  Basedow  es  für  nötig  erachtet,  dem
eigentlichen  Geschichtsunterricht  die  Erklärung  der  “Grundbegriffe  für  Staatssachen’,  also  von
Begriffen,  mit  denen  der  Unterricht  zu  arbeiten  hat,  voranzusenden.  Seine  Anhänger  haben
diesen  Gedanken  weiterverfolgt.  Trapp  und  Villaume  gehen  aus  denselben  Gründen,  die
sie  veranlaßten,  den  geographischen  Unterricht  mit  der  Betrachtung  der  Heimat  zu  beginnen,
im  Geschichtsunterricht  von  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  aus.  Der  letztere  verlangt  auch
die  Voranstellung  der  vaterländischen  Geschichte.  Salzmann  will  die  Schüler  erst  mit
der  Geschichte  des  Wohnortes  bekennt  machen.  Wanderungen  in  die  Umgebung  geben
ihm  Veranlassung  zu  geschichtlichen  Betrachtungen.  Während  Basedow  den  Unterricht
mit  einer  universalgeschichtlichen  Übersicht  beginnen  wollte,  stellte  sie  Bahrdt,  dessen  Äußerungen
  ein  gutes  Verständnis  für  das  Fach  verraten,  an  den  Schluß.  Auch  soll  ihm  nicht
vergessen  sein,  daß  er  seine  Schüler  nicht  allein  zu  Kosmopoliten,  sondern  auch  zu  Bürgern
erziehen  wollte,  da  erst  durch  die  Verbindung  von  beiden  der  Mensch  ein  wahrer  Mensch
werde.  Beide  Eigenschaften  aber  setzten  den  Lokalpatriotismus  voraus.  '  Basedow  verlangt
im  Unterricht  die  Anwendung  der  sokratischen  Methode,  während  sein  Jünger  Trapp  zur
Erweckung  der  Selbsttätigkeit  der  Schüler  sie  die  chronologischen  Tabellen  selbst  verfertigen
  ließ.

Friedrich  der  Große  und  sein  Minister  von  Zedlitz,  sowie  die  maßgebenden  preu-Bischen
  Schulmänner  lebten  in  den  Anschauungen  der  Philanthropen;  vor  ihren  Auswüchsen
blieben  sie  bewahrt.  Nicht  das  Gedächtnis  mit  Begebenheiten  zu  belasten,  war  nach  Sulzers
Ansicht  die  Aufgabe,  sondern  das  Nachdenken  über  die  Veränderungen  in  den  politischen
und  gesellschaftlichen  Zuständen  der  Völker  zu  wecken.  Es  komme  mehr  darauf  an,  daß
die  Jugend  den  Charakter  eines  Volkes  oder  einzelner  großer  Männer  begreife,  als  daß
sie  ihre  Geschichte  bloß  aus  dem  Gedächtnisse  zu  erzählen  wisse.  Friedrich  betonte,  wie
schon  oben  erwähnt,  ganz  besonders  die  Geschichte  seit  Karl  V.  und  die  des  Vaterlandes.
Von  der  alten  genüge  eine  allgemeine  Kenntnis.  Das  Kulturgeschichtliche  ist  bei  der  Darbietung
  stete  im  Auge  zu  behalten.  Auch  eine  Stufenfolge  des  Unterrichts  wurde  für  die
vom  Staste  unterhaltenen  Anstalten  festgelegt:  auf  der  unteren  Stufe  Einzeldarstellungen
aus  dem  ganzen  Gebiete  der  Weltgeschichte;  auf  der  mittleren  allgemeine  Weltgeschichte  in
zusammenhängender  Darstellung,  wobei  die  Hälfte  der  Zeit  auf  alte  Geschichte  und  Geographie
  zu  verwenden  ist;  auf  der  oberen  neuere  europäische  Staatengeschichte  unter  besonderer
  Berücksichtigung  der  brandenburgisch-preußischen  ;  4—6  Stunden  durften  in  der  Woche
für  das  Fach  angesetzt  werden.

Hatte  die  Aufklärung  als  Ziel  der  Erziehung  die  Glückseligkeit  des  Menschen  aufgestellt,
  so  setzte  der  aufkommende  Neuhumanismus  die  Frage  nach  dem  Nutzen  völlig
beiseite  und  sah  in  der  Heranbildung  der  auf  sich  selbst  berubenden  edlen,  freien  Persönlichkeit
  den  Zweck  der  Erziehung.  Die  Vorbilder  aber  fand  man  im  Griechentum.  Eine  begeisterte
  Schar  von  Jüngern  Fr.  A.  Wolfs  brachte  diese  Anschauungen  Herders  und  ihres
Meisters  in  den  Schulen  zur  Geltung.  Die  Folge  davon  war  eine  größere  Betonung  des  Altertums
  und  der  Kulturgeschichte.  Da  die  Frage  nach  dem  Nutzen  fürs  praktische  Leben  als
banausisch  verpönt  war,  mußte  der  Betrieb  der  neueren  Geschichte  leiden.  Die  Geschichte  des
Mittelalters  vollends  sollte  nach  Wolfa  A„„icht  als  “Ritter-  und  Mönchsbarbarei’,  als  das  gerade