666  Auter:  Geschichte.

Widerpart  zu  dem  neuen  Bildungsideal,  “in  seiner  Unwissenheit  und  Nacht’  lange  verschoben
‘und  in  Schulen  bloß  summarisch  behandelt  werden,  soweit  es  zur  ‘Konnexion  der  alten
und  neuen  Geschichte  notwendig  erscheine’.  Glücklicherweise  setzte  das  unter  der  furchtbaren
  Fremdherrschaft  mächtig  erwachende  Nationalgefühl  dieser  komopolitischen  Richtung
einen  Damm  entgegen  und  führte  auf  dem  Gebiete  der  vaterländischen  Geschichtsforschung
im  weitesten  Sinne  zu  einer  bisher  nie  gekannten  Tätigkeit,  deren  Resultate  auch  in  der
Schule  endlich  doch  ihre  Verwertung  finden  mußten.  Voreret  aber  war  man  davon  weit
entfernt.

Fr.  A.  Wolf  setzte  dem  Geschichtsunterricht  die  Aufgabe,  die  Frage  zu  beantworten,
‘wie  eg  gekommen,  daß  die  Menschen  auf  dieser  Stufe  der  Kultur  ständen,  die  sie  gegenwärtig
  innehätten’.  Der  alten  Geschichte  mißt  er  ‘subsidiarische  Zwecke’  zu;  sie  sollte
nicht  nur  getrieben  werden,  um  die  alten  Völker  kennen  zu  lernen,  sondern  auch  um  die
alten  Schriftsteller  in  ihrem  wahren  Geiste  zu  studieren.  Das  Kulturgeschichtliche  ist  wohl
zu  beachten.  Schon  für  die  untersten  Klassen  des  Gymnasiums  verlangt  er  einen  propädeutischen
  Unterricht,  Zahlen  seien  auch  hier  nicht  zu  entbehren.  ‘Doch  müsse  man  aus  der
Gegenwart  hinaufsteigen’,  womit  jedoch  keineswegs  ein  rückschreitender  Gang  gefordert  wird.
Der  eigentliche  Geschichtsunterricht  beginnt  erst  auf  der  Mittelstufe  und  spinnt  sich  in  drei
Kursen  ab:  auf  Quarta  und  Tertia,  oder  letzterer  allein,  wird  vorzüglich  alte  Geschichte
getrieben,  “zunächst  Bruchstücke,  Biographien,  Notizen,  überhaupt  einzelnes,  was  später  zu
vereinigen’;  im  Sekundakursus  soll  eine  ethnographisch  durchgeführte  allgemeine  Übersicht
  der  ganzen  Geschichte  bis  zu  ung  und  in  dem  dreijährigen  Primakursus  eine  ausführliche
  Behandlung  und  wissenschaftliche  Vertiefung  mit  vorzugsweiser  Berücksichtigung
der  alten  Geschichte  stattfinden.  Die  orientalische  Geschichte  ist  dabei  sehr  zu  beschränken.
Reitere  Schüler  sollen  hier  schon  zu  historischer  Quellenbenutzung  angeleitet  werden.  Wolf
zerlegt  die  Aufgabe  des  Geschichtsunterrichte  in  verschiedene  Zwecke,  die  den  drei  oben
ekizzierten  Kursen  entsprechen:  einen  pädagogischen,  allgemein  bürgerlichen  und  philologischhumanistischen
  Zweck.  Er  steht  hier  unter  der  Anregung  eines  Aufsatzes  Hüllmanns  im
Königsberger  Archiv  1812,  der  vier  Zwecke  unterscheidet,  “die  in  gewissen  Perioden  der
Jugendbildung  ...  den  Mittelpunkt  des  historischen  Unterrichts  ausmachen  müßten,  den
pädagogischen,  den  humanistischen,  den  bürgerlichen  und  den  höheren’.  Der  erste  solle  u.  a.
Teilnahme  an  allen  menschlichen  Angelegenheiten  anregen,  der  zweite  besonders  der  Klassikerlektüre
  dienen,  der  dritte  den  Schüler  für  das  bürgerliche  Leben  ausrästen,  der  letzte  “auf
den  Menschen  überhaupt  gerichtet  sein’.

Bei  Herbart  ist  von  einer  “subsidiarischen  Stellung’  des  Geschichtsunterrichtse  keine
Rede,  wie  sie  von  seiten  neuhumanistischer  Epigonen  in  Übertreibung  von  Wolfs  Anschauungen
betont  wurde,!)  er  weist  ihm  im  Gegenteil  einen  ganz  hervorragenden  Platz  im  Unterrichtssystem
der  höheren  Schulen  an,  ja  er  wird  von  ihm  als  Mittelpunkt  betrachtet.  Der  Zweck  des
Geschichtsunterrichts  ist  ihm  die  Erzeugung  der  Teilnahme,  die  dem  Menschen  gebührt.  ‘Nur
diejenigen  besitzen  sie  zum  Teil  und  können  sie  einigermaßen  mitteilen,  die  zahllose  mannigfaltige
  Bilder  der  Menschheit  in  sich  selber  erzeugt  haben.”  Da  nun  sich  die  Empfänglichkeit
  dafür  mit  dem  Fortschritt  des  Alters  wandele,  sei  ein  chronologisches  Aufsteigen  von
dem  Alten  zum  Neuen  geboten.  Anfangspunkt  der  Teilnahme  kann  nicht  in  der  engeren
Sphäre  der  kindlichen  Anschauungen  liegen,  die  naheliegende  Sphäre  der  Erwachsenen  aber
kann  man  kleinen  Knaben  nicht  begreiflich  machen.  Da  bietet  sich  uns  in  den  Anfängen
unserer  Kultur  in  den  Homerischen  Gedichten,  vor  allem  in  der  Odyssee,  ‘die  Darstellung
eines  idealischen  Knabenalters’,  die  ‘dem  Interesse  des  Knaben  Begebenheiten  und  Personen
vor  Augen  führt,  deren  es  sich  ganz  bemächtigen  und  von  wo  aus  es  übergehen  kann  zu
unendlich  mannigfaltigen,  eigenen  Reflexionen  über  Menschen  und  Gesellschaft  und  über
die  Abhängigkeit  von  einer  höheren  Macht’.)  Von  hier  aus  möge  dann  die  Teilnahme  an

1)  S.  Thaulow,  Die  Gymnasialpädagogik.  Kiel  1858.  S.  109  ff.
r,  Vgl.  die  Ausführung  dieses  Gedankens  bei  Willmann,  Die  Odyssee  im  erziehenden
Unterricht.  1868.