Aufklärung  und  Neuhumanismus,  667

der  Reihe  der  menschlichen  Zustände  fortschreiten  bis  auf  die  Gegenwart.  Auch  Herbart
legt  den  größten  Nachdruck  auf  die  alte  Geschichte.  Unerläßlich  ist  die  pragmatische  Betrachtung
  der  Geschichte,  ohne  die  der  Unterricht  keinen  Anspruch  machen  kann,  vollständige
  Bildung  zu  gewähren.  Vaterländische  Geschichte  aber  bleibt  unverständlich,  wenn
sie  aus  der  Mitte  der  größeren  Begebenheiten  herausgerissen  wird.

Die  Praxis  ist  den  dargelegten  Anschauungen  nur  in  weitem  Abstand  gefolgt.  Eine
unbefangene  Geschichtsbetrachtung  war  nicht  möglich,  solange  Schulmänner  wie  der  Rektor
Heinius  von  Joachimstal  1742  aussprechen  konnten:  Nullum  esse,  s}  a  sacra  sriptura  discesseris,
  in  historia  gentium  primaeva  exploratam  veritatem.  Welche  Rückständigkeit,  wenn  die
Schulordnung  von  Frankfurt  a./M.  im  Jahre  1765  vorschrieb,  dem  Schüler  in  einem  halben
oder  längstens  einem  ganzen  Jahre  nur  die  allermerkwürdigsten  Begebenheiten  einzuprägen  ;
wenn  die  erneuerte  Schulordnung  für  die  kursächsischen  Fürsten-  und  Landesschulen  vom
Jahre  1778  der  Universal-  und  sächsischen  Geschichte  nur  ein  Jahr  in  der  obersten  Klasse
zuweist!

Die  alten  universalhistorischen  Lehrbücher  von  Sleidanus,  Cellarius,  Freyer  und  anderen
blieben  vielfach  noch  lange  in  Gebrauch  und  wurden  nur  allmählich  durch  moderne  Lehrmittel
  abgelöst.  Zur  Zeit  der  Aufklärung  jedoch  haben  bedeutende  Gelehrte  sich  bei  dem
großen  Interesse,  das  damals  vor  allem  für  pädagogische  Fragen  herrschte,  der  Abfassung
von  Schulbüchern  nicht  entzogen.  Besonders  sind  Schlözer  und  der  Wittenberger  Professor
Schröckh  zu  nennen,  jener  wegen  seiner  “Vorbereitung  zur  Weltgeschichte  für  Kinder’  und
“Weltgeschichte  nach  ihren  Hauptteilen’,  dieser  wegen  seines  ‘“Lehrbuches  der  allgemeinen
Weltgeschichte’  und  der  ‘Allgemeinen  Weltgeschichte  für  Kinder’,  alles  treffliche  Bücher.  Die
politische  Geschichte  jedoch  tritt  hier  hinter  dem  Kulturgeschichtlichen  zurück,  und  das  Nationalgefühl
  kommt  der  Zeit  entsprechend  entschieden  viel  zu  kurz.  Der  Rückschlag  erfolgte  gleich
nach  der  Abschüttelung  des  französischen  Joches.  Gleichzeitig  erschienen  1816  Bredows
Merkwürdige  ‘Begebenheiten  aus  der  allgemeinen  Weltgeschichte’  und  Kohlrauschs  herrliche
  “Deutsche  Geschichte  für  Schüler  bearbeitet’.  In  letzterer  kam  —  und  es  war  hohe
Zeit  —  der  Staats-  und  Nationalitätegedanke  zu  hinreißendem  Ausdruck.  ‘Für  die  Aufgabe
der  Zeit,  so  heißt  es  in  der  Vorrede,  ist  das  Volk  zu  erziehen,  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes
  und  zur  Besonnenheit  und  Ruhe  im  Ausbau  der  inneren  Einrichtungen.’  ‘Die  Geschichte
  aber  ist  ein  eitles  Wissen,  wenn  sie  nicht.  an  die  Gegenwart  anschließt.  Die  Erkenntnis
  soll  zu  Entschlüssen  und  Taten  führen,  und  da  mußten  die  bewegenden  Gedanken
unserer  Zeit  an  das  Ende  der  großen  Reihe  treten  und  der  Rede  gleichsam  das  Stichwort
hinzufügen,  welches  auf  das  Künftige  hindeutet,  und  woran  ein  jeder  das  Anfangswort  seiner
eigenen  Rolle  knüpft.”  Mit  patriotischen  Impulsen  verbindet  sich  hier  die  Betonung  eines
berechtigten  Utilitarismus,

Das  Beste  aber  tat  doch  die  preußische  Regierung  durch  die  Begründung  eines  besonderen
  Gymnasisllehrerstandes,  der  gemäß  den  Ordnungen  für  die  Lehramtsprüfung  der
Jahre  1810  und  1831  für  die  verschiedenen  Unterrichtsfächer  die  wissenschaftliche  Befähigung
  für  das  Lehramt  mitbrachte,  was  nicht  in  letzter  Linie  auch  dem  Geschichtsunterricht
  zugute  kam.  Die  späteren  Prüfungsordnungen  haben  dem  F'ache  steigendes  Gewicht
beigelegt.  Preußen  aber  wurde  allmählich  vorbildlich  für  ganz  Deutschland.

Der  preußische  Lehrplan  für  die  Gymnasien  —  andere  Schulen  kamen  damals  nicht  in  Betracht
  —  vom  Jahre  1812  setzte  bei  10  Schuljahren  für  Geschichte  und  Geographie  in  allen
Klassen  3  Stunden  an,  was  für  den  Geschichtsunterricht  den  heutigen  Verhältnissen  entsprechen
würde.  Von  anderen  deutschen  Staaten  ist  besonders  Bayern  zu  nennen,  wo  das  höhere
Unterrichtswesen  nach  Friedrich  Thierschs  Anschauungen  reformiert  wurde.  Den  eigentlichen
  Geschichtsunterricht  wollte  er  im  wesentlichen  auf  die  zwei  oberen  Klassen  des  Obergymnasiums
  beschränkt  sehen.  Neben  tabellarisch-chronistischen  Übungen  verlangt  Thiersch
eine  deutliche,  die  Teilnahme  gewinnende  Veranschaulichung  der  Hauptbegebenheiten  und
hervorragenden  Charaktere,  wenn  das  historische  Studium  nicht  von  aller  Zuneigung  entblößt
und  dadurch  verfehlt  werden  solle,  ferner  Quellenlektüre,  die  denn  doch  eigentlich  nur
für  alte  Geschichte  möglich  war.  Für  die  spätere  Geschichte  gerät  Thiersch  in  Ver-