668  Arrer:  Geschichte.

legenheit.  Die  Vorlesung  aus  einem  gedruckten  Buche  verwirft  er  mit  Recht  als  zerstreuend
und  dem  Gymnasium  unangemessen  und  kommt  zu  dem  Vorschlag,  den  Kern  der  vaterländischen
  Geschichte  in  einer  Art  Sammlung  von  Quellenstellen  zu  vereinigen  und  deren
Lesung  dem  häuslichen  Fleiße  unter  Kontrolle  des  Lehrers  anheimzugeben.  Nicht  überflüssig
  dürfte  es  sein,  zu  erwähnen,  daß  Thiersch  bei  seinen  Erwägungen  die  konfessionellen
Verhältnisse  sehr  in  Betracht  ziehen  mußte.  Sie  veranlaßten  ihn  zu  dem  Vorschlage,  dem
eigentlichen  Geschichtsunterricht  nur  einen  “tabellarischen  (!)  Vortrag  der  mittleren  und  neueren
Geschichte’  zu  überweisen,  ‘welcher  ein  Eingehen  in  das  Einzelne  und  Besondere  abschneidet
und  um  so  leichter  alles  Kirchliche  als  der  Kirchengeschichte  zugehörig  übergehen  kann,
die  Ausführung  des  Einzelnen  aber  der  eigenen  Lesung  der  jungen  Leute  vorzubehalten’.
Wird  aber  ein  ausführlicher  Vortrag  gefordert,  so  könne  er  dem  Religionslehrer  der  oberen
Klasse  zugewiesen  werden,  derihn  mit  der  kirchlichen  Geschichte  verknüpfen  könne.  Wie  freilich
  dabei  ein  fruchtbringender  Geschichtsunterricht  möglich  sei,  wird  uns  nicht  gesagt.  Der
1829  veröffentlichte  Plan  für  die  bayerischen  Lateinschulen  und  Gymnasien  entsprach  denn
such  nicht  diesen  Anschauungen.  Er  bestimmte  für  die  oberste  Klasse  der  sechsklassigen
Lateinschule  8  Wochenstunden  zur  Durchnahme  der  bayerischen  Geschichte  mit  steter  Rücksicht
  auf  die  allgemeine  deutsche.  Der  untersten  Klasse  des  vierklassigen  Gymnasiums  fiel
die  Geschichte  des  Altertums  bis  Augustus,  den  drei  weiteren  die  folgende,  aber  nur  bis
zum  Tode  Ludwigs  XIV.  zu.

So  waren  in  Bayern  dem  Unterricht  klare  behördliche  Weisungen  gegeben;  die  preu-Bische
  Regierung  hielt  bei  dem  Streit  der  Meinungen  damit  vorsichtig  zurück.  Infolgedessen
herrschte  trotz  bedeutender  Besserung  der  Verhältnisse  an  den  Gymnasien  in  der  Verteilung
und  Behandlung  des  Stoffes  eine  große  Mannigfaltigkeit.  An  der  einen  Anstalt  werden  wir
noch  an  den  alten  gedächtnismäßigen  universal-historischen  Betrieb  der  vorigen  Periode
erinnert,  andere  weisen  konzentrische  Kurse  auf  und  treiben  in  Prima  alte  Geschichte,  andere
  neuere.  Stellenweise  werden  auf  derselben  Klasse  zugleich  oder  in  verschiedenen  Abschnitten
  des  Jahres  wie  am  Gymnasium  zu  Frankfurt  a.  U.  1825  ganz  verschiedene  Gebiete
behandelt.)  Kohlrauschs  und  Bredows  Tabellen  werden  vielfach  benutzt,  nicht  selten  aber
liest  der  Lehrer  nach  eigenen  Heften  oder  diktiert.  Viele  stellten  die  schwer  belastende
Forderung  einer  schriftlichen  häuslichen  Ausarbeitung  nach  ihrem  freien  Vortrag.  Alle
diese  Auswüchse  wurden  allmählich  durch  entschiedenes  Eingreifen  der  Behörden  beseitigt
und  vor  allem  der  Gebrauch  eines  Lehrbuches  zur  Pflicht  gemacht.  Sehr  bedenklich  war,
daß  die  Ordnung  der  Prüfung  für  Lehramtskandidaten  vom  Jahre  1834  bei  der  Behandlung
der  alten  Geschichte  auch  das  Latein  als  Vortragssprache  verlangte.  Ein  Aufsatz  im  Jahresbericht
  des  Dortmunder  Gymnasiums  von  1828  hatte  sogar  für  den  geschichtlichen  Unterricht
  in  der  Tertia  den  Gebrauch  der  lateinischen  Sprache  gefordert.  Es  war  Zeit,  daß  mit
solchem  Unfug  aufgeräumt  und  dem  chaotischen  Zustande  ein  Ende  gemacht  wurde.

Das  geschah  durch  Friedrich  Kohlrausch  in  der  von  ihm  verfaßten  “Instruktion
für  den  geschichtlich-geographischen  Unterricht  bei  den  Gymnasien  der  Provinz  Westfalen’
vom  Jahre  1830,  die  als  Ausgangspunkt  für  die  weitere  Entwicklung  des  Geschichtsunterrichts
anzusehen  ist.

Als  Einleitung  in  den  Geschichtsunterricht  schlägt  er  statt  wie  Herbart  die  Odyssee  die
Geschichten  des  Alten  Testamentes  vor.  Den  darauf  folgenden  Unterricht  gliedert  er  entsprechend
  der  Entwicklung  des  Knaben  in  drei  Stufen:  die  biographische  auf  Sexta  und
Quinta,  wo  die  Höhen  der  ganzen  geschichtlichen  Entwicklung  an  dem  Bild  ausgezeichneter
Personen  dem  Knaben  vorgeführt  werden,  ohne  Beachtung  der  Mittelglieder;  den  ethnographischen
  dreijährigen  Kursus  auf  Quarta  und  Tertia,  in  dem  die  drei  Völker,  das
griechische,  römische  und  deutsche,  unter  kurzer  Behandlung  der  Völker,  die  auf  ihre
Entwicklung  Einfluß  gehabt,  betrachtet  werden,  und  die  Geschichte  des  brandenburgisch-1)

  Ich  benutze  ein  Faszikel  Jahresberichte  preußischer  Gymnasien  vom  Jahre  1825.
Man  vgl.  auch  Schmalfeld,  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete  des  Gymnasialschulwesens,  Berlin
1867.  8.49  fl.