Der  Geschichtsunterricht  seit  1880.  673

Lehrbüchern  der  Universalgeschichte  den  Platz  auf  der  Schule  versagt  und  den
Stoff  im  wesentlichen  nach  Campes  Anregungen  beschränkt  und  eine  modifizierte
  biographische  Behandlung  empfohlen.  Die  alte  Geschichte,  abgesehen
von  Wiederholungen  auf  der  Prima,  solle  auf  der  Sekunda  ihren  Abschluß
finden,  jener  aber  die  mittlere  und  neuere  Geschichte  bis  1871  zufallen,  schon
wegen  der  Kompliziertheit  moderner  Verhältnisse  gegenüber  den  einfacheren
des  Altertums.  Das  Kulturgeschichtliche,  d.h.  das  Zuständliche,  wird  geflissentlich
in  den  Hintergrund  gedrängt.  Wo  seine  Behandlung  nicht  zu  umgehen  ist,  wird
es  um  die  handelnden  Personen  zu  gruppieren  sein.  So  wird  “ruhendes  Sein
in  Bewegung  verwandelt’.  Für  das  Altertum  aber  empfiehlt  er  eine  geordnete
besondere  Quellenlektüre.

Noch  mehr  war  Jäger  von  den  großen  Ereignissen  beeinflußt.  Auf  der
über  Fragen  des  höheren  Schulwesens  im  preußischen  Unterrichtsministerium
1873  abgehaltenen  Konferenz  empfahl  er  unter  Abweisung  jeglicher  Tendenz,
den  besonderen  Unterricht  in  der  brandenburgisch-preußischen  Geschichte  aufzugeben
  und  in  Zukunft  nur  deutsche,  brandenburgisch-preußische  Geschichte
aber  nur  in  organischem  Zusammenhange  mit  dieser,  zu  lehren.  Auf  den  mittleren
  Klassen  solle  der  Geschichtsunterricht  mit  dem  Jahre  1815  schließen
und  dann  die  Zeit  von  1815  bis  1870  mehr  als  politische  Geographie  behandelt
  werden.  “Dabei  sei  auch  Gelegenheit  gegeben,  daß  der  Schüler  die  Verfassung
  und  seine  Pflichten  als  Staatsbürger  nach  Maßgabe  seines  Verständnisses
kennen  lerne’  In  der  Prima  aber  sei  der  regelmäßige  Unterricht  bis  zur
Gründung  des  Reiches  herabzuführen.  Die  Auffassungen  Jägers  fanden  bei
der  Konferenz  ziemlich  allgemeine  Zustimmung.  In  seinen  Schriften  tritt
Jäger  der  Überschätzung  des  Faches  mit  Lebhaftigkeit  entgegen.  Wohl  geht
er  in  seinen  Äußerungen  zu  weit,  aber  nicht  in  der  praktischen  Anwendung,
jedenfalla  hat  er  gegenüber  früheren  Verstiegenheiten  eine  gesunde  Reaktion
herbeigeführt.  “Historische  Bildung,  d.  h.  eine  auf  intensiver  Erkenntnis  vergangener
  Zeiten  gegründete  intellektuelle  Befähigung  für  die  Arbeiten  der
Gegenwart  ist  überhaupt  der  Zweck  und  bestimmt  den  Charakter  des  Gymnasiums.”
  Dem  Geschichtsunterricht  weist  er  dabei  eine  ‘subsidiäre  Stelle’
an.  Sein  Ziel  soll  lediglich  sein:  1.  “Mitteilung  und  Einprägung  eines  gewissen
  Quantums  von  historischem  Wissen;  2.  Entwicklung  der  Fähigkeit,
mit  diesem  Wissen  zu  operieren’,  ein  Ausdruck,  den  er  später  als  umfassende
Wiederholungen  nach  besonderen  Gesichtspunkten  erklärt.  Die  auf  der  Schule
gepflegte  altsprachliche  Lektüre  ist  am  meisten  geeignet,  gesunden  geschichtlichen
  Sinn  zu  erzeugen.  An  ihr  vor  allem  lernt  der  Schüler  auch,  daß  Geschichte
  nicht  bloß  ‘Fechten  und  Totschlagen’  ist,  sie  führt  ihm  auch  kulturgeschichtlichen
  Stoff  zu,  den  Jäger  im  eigentlichen  Geschichtsunterricht  auf
ein  Minimum  beschränkt  sehen  will

Diesen  Anschauungen  haben  die  preußischen  Lehrpläne  vom  Jahre  1882
Rechnung  getragen,  die  für  die  drei  verschiedenen  Anstalten  im  wesentlichen  gleiche
Geschichtsaufgaben  aufstellen,  nur  daß  der  alten  Geschichte  auf  den  Gymnasien

die  beiden  Jahre  der  Sekunda,  an  den  realen  Anstalten  nur  eins  zugewiesen
Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  43