676  Auer:  Geschichte.

METHODISCHES,.

Bildungswert  und  Lehraufgabe.!)  Man  pflegt  dem  Geschichtsunterricht
an  unseren  höheren  Schulen  die  Stelle  eines  Nebenfaches  zuzuweisen.  Mit  Recht,
mag  die  Geschichte  für  den  gereiften  Mann  eine  unerschöpfliche  Quelle  der
Bildung  darstellen,  für  den  Knaben  und  Jüngling,  der  übrigens  erst  zum
Geschichtsverständnis,  “durch  Geschichte  zur  Geschichte’,  erzogen  werden  soll,
bilden  Sprachen  und  Mathematik  die  Hauptbildungsmittel,  an  denen  vornehmlich
  er  seine  geistigen  Kräfte  übt,  während  der  Geschichtsunterricht  wesentlich
auf  Wissen  und  Anschauung  hinausläuft.  Wenn  aber  dem  Fache  nur  subsidiäre
  Bedeutung  zugemessen  und  behauptet  wird,  daß  es  eigentlich  nur  an
seinem  Teile  dasselbe  zu  tun  habe,  wie  das  Gymnasium  überhaupt,  nämlich
historischen  Sinn  zu  fördern  und  fürs  Leben  vorzubereiten,  so  wird  diese  Auffassung
  dem  Gegenstande  nicht  gerecht.  Der  Gesamtaufgabe  der  Schule,  die
Jugend  für  das  Leben  auszurüsten,  dient  jedes  Fach  auf  besondere  Weise;
keines  hat  eine  subsidiäre  Aufgabe,  oder  aber  alle,  da  der  Unterricht  in  dem  einen
stete  Beziehungen  zu  den  anderen  pflegen  und  in  ihnen  Stützen  suchen  muß.

Gewiß,  die  meisten  Wirkungen,  die  man  dem  Geschichtsunterrichte  zuschreibt,
  teilt  er  im  allgemeinen  mit  anderen  Fächern,  so  Befriedigung  der
Wißbegierde,  Förderung  des  Wahrheitssinnes,  Begeisterung,  Sinn  für  Kausalität
  usw.  Aber  alle  einem  Unterrichtsgegenstande  zugeschriebenen  Wirkungen
erhalten  durch  die  Natur  und  den  Gegenstand  des  Faches  ihre  spezifische
Färbung.  Und  darauf  kommt  es  an.  ‘Die  Geschichtswissenschaft  aber  ist
die  Wissenschaft,  welche  die  Tatsachen  der  Entwicklung  der  Menschen  in
ihren  Betätigungen  als  soziale  Wesen  im  kausalen  Zusammenhange  erforscht
und  darstellt’  (Bernheim).  Demgemäß  hat  es  der  Geschichtsunterricht  insbesondere
  zu  tun  mit  den  großen  sozialen  Gemeinwesen,  in  denen  die  Menschen
zusammengefaßt  sind,  vor  allem  mit  dem  Staate.  ‘So  verfolgt  er  in  erster  Linie
das  Ziel,  den  Schüler  in  die  historisch  entwickelte  Menschenwelt  einzuführen,
das  Individuum  mit  dem  Ganzen  der  Gesellschaft,  des  Volkes,  des  Staates  zu
verknüpfen’  (Neubauer).

ı)  Literatur.  Schrader,  Schiller,  Jäger,  Neubauer  a.2.0.  Droysen,  Grundriß
der  Historik.  —  Willmann,  Didaktik,  2.  Bd.  —  O0.  Lorenz,  Die  Geschichtswissenschaft
in  ihren  Hauptrichtungen.  —  Münch,  Die  Mitarbeit  der  Schule  an  den  nationalen  Aufgaben
  der  Gegenwart.  1890.  —  Bernheim,  Lehrbuch  der  hist.  Methode.  3.  u.  4.  Aufl.
1903,  u.  Gesch.-Unt.  und  Geschichtswissenschaft.  —  Jäger,  Bemerkungen  usw.  —  Zillig,
Der  Gesch.-Unterricht  in  der  Erziehungsschule  in  Reine  Enzyklopädie.  2.  Aufl.  Bd.  3,  3.3  ff.  —
Hannack,  Methodik  des  Unterrichts  in  der  Gesch.  1891.  —  Rusch,  Methodik  des  Unterrichts
  in  der  Gesch.  1908.  —  Ulbricht,  Die  Verwertung  des  G.-U.  zur  politischen  Erziehung
unseres  Volkes.  (Progr.)  Dresden-Neustadt  1898.  —  Hermann,  Bemerkungen  über  den  Gesch.-Unt.
  (Progr.)  Freienwalde  1894.  —  Götze,  Die  Ziele  des  Gesch.-Unt.  in:  Aus  dem  pädagog.
Universitätsseminar.  Hreg.  v.  Rein.  VI.  Heft.  Jena  1895.  —  Brettschneider,  Zum  Unterricht
  in  der  Gesch.  1895.  —  Neubauer,  Der  Unt.  in  der  Gesch.  1904.  —  Hinneberg,
Die  philosoph.  Grundlagen  der  Geschichtswissenschaft.  1888.  —  Eduard  Meyer,  Zur
Theorie  u.-Methodik  der  Gesch.  1902.  —  Windelband,  Gesch.  u.  Naturwissenschaft.  1904.