Bildungswert  und  Lehraufgabe.  677

Wohl  werden  dem  Schüler  historische  Belehrungen  auch  in  anderen
Fächern,  vor  allem  im  Sprachunterricht  übermittelt,  aber  sie  bleiben  vereinzelt,
umspannen  im  besten  Falle  Abschnitte,  die  gegenüber  dem  ganzen  Gebiete  des
Geschichtsunterrichts  nur  geringen  Umfang  haben,  oder  auch  Erläuterungen
über  staatliche  Einrichtungen,  soziale  und  wirtschaftliche  Zustände,  die  für
das  Verständnis  der  vorliegenden  Lektüre  nötig  sind;  aber  die  dem  sprachlichen
  Fache  eigentümliche  Wirkung  verwischt  meistens  den  charakteristisch
historischen  Eindruck.  Als  man  in  der  Geschichte  noch  “eine  Beispielsammlung
für  moralische  Sätze,  christliche  Wahrheiten  und  Bibelstellen’  (Brettschneider)
sah,  da  mochte  es  sogar  ohne  besondere  Unterrichtsstunden  hingehen,  heute
nicht  mehr.  Schon  allein  die  Aufgabe,  die  in  den  verschiedenen  Fächern
gebotenen  historischen  Belehrungen  zu  ordnen,  zu  ergänzen  und  zu  verwerten,
würde  dem  Fache  eine  ganz  hervorragende  Stelle  im  Unterrichtsgange  sichern.

“Ein  Mensch,  der  nicht  meint,  daß  er  vom  Himmel  gefallen  ist,  der  die
Weltgeschichte  nicht  vom  Tage  seiner  Geburt  datiert,  muß  doch  begierig  sein,
zu  erfahren,  was  sich  zu  allen  Zeiten  und  in  allen  Ländern  begeben  hat.  Wenn
seine  Gleichgültigkeit  keinen  Anteil  nimmt  an  den  Geschicken  all  der  vielen
großen  Nationen,  die  ein  Spielball  des  Schicksals  gewesen  sind,  so  wird  er  sich
wenigstens  für  die  Geschichte  seines  Landes,  das  er  bewohnt,  interessieren  und
mit  Vergnügen  die  Ereignisse  betrachten,  an  denen  seine  Vorfahren  teilhatten.’
Diese  Worte  Friedrichs  des  Großen  bezeichnen  treffend  den  naturgemäßen  jugendlichen
  Wissenstrieb,  der  samt  der  Phantasie  im  Geschichtsunterricht  durch  konkrete
  Wirklichkeitsbilder  seine  Befriedigung  findet.  ‘Operieren’  mit  den  erworbenen
  Kenntnissen  durch  Reihenbildung,  Gruppierung,  Assoziation  und  Vergleichen
  bedeuten  ferner  eine  nicht  zu  unterschätzende  Verstandesübung.

Vor  allem  aber  handelt  es  sich  um  die  Erzeugung  historischen  Sinnes:  die
Anbahnung  der  Erkenntnis  der  treibenden  Kräfte,  die  Beurteilung  von  Zuständen
und  Personen  aus  ihrer  Zeit  heraus,  nicht  nach  dem  Wertmaße  der  Gegenwart.
Damit  eng  verschwistert  ist  die  Bewunderung  echten  Heldentums,  die  menschliche,
  auf  psychologischer  Betrachtung  beruhende  Teilnahme  vor  allem  an  ihren
inneren  Kämpfen,  in  denen  sie  sich  nach  freier  Wahl  zu  entscheiden  hatten.
Gewiß  haben  in  der  Geschichte  Notwendigkeit  und  Zufall  ein  großes  Gewicht,
aber  neben  der  Bedingtheit  steht  die  Willensfreiheit,  die  freie  Tat  und  darum
auch  die  Schuld.  “Das  Größte  aber  in  der  Geschichte  ist  ursächlich  gar  nicht
erfaßbar,  ist  ein  Wunder;  die  ganze  griechische  Kultur,  Homer,  Sophokles,
Phidias,  Platon  ist  ebensowenig  wie  Luther,  Shakespeare,  Friedrich.  d.  Gr.,  Goethe,
Bismarck  erklärbar’  (Brettschneider),  ebensowenig  auch  manche  erschütternde
Katastrophe  ‚und  glänzender  Erfolg.  Hier  glauben  wir  einen  Hauch  aus  einer
anderen  Welt,  das  Walten  einer  höheren  Macht,  zu  spüren.

Kein  Unterricht  aber  bereitet  mehr  für  die  künftige  Beteiligung  im  Staate
vor,  als  der  Geschichtsunterricht.  Er  vermittelt,  was  die  früher  betriebene
Universalgeschichte  mit  ihrem  Gedächtniskram  zwar  wollte,  aber  nicht  konnte,
prudentia  politica.  Die  Betrachtung  der  Formen  und  Einrichtungen  der  Staaten
und  ihrer  Entwicklung,  sowie  des  Werdens  und  Wandels  sozialer  Gestaltungen