Auswahl  und  Gliederung  des  Stoffes.  679

suszuscheiden  oder  nach  Comtes  drastischem  Ausspruch  zu  einer  Histoire  sans
noms  d’hommes  ou  meme  sans  noms  de  »peuple,  zur  Evolutionstheorie,  die  den
Zufall  und  den  freien  Willen  aus  der  Geschichte  eliminiert.  So  wird  zugunsten
blutleerer  Abstraktionen  das  in  der  Geschichte  pulsierende  Leben  totgeschlagen
und  über  der  Erkenntnis  des  Gemeinsamen  in  der  Entwicklung  der  eigentliche
Inhalt  der  Geschichtserkenntnis,  die  Wirkung  des  Singulären  verkannt  (Bernheim).
Der  gesunde  Menschenverstand,  vor  allem  die  geschichtliche  Erfahrung  sträubt
sich  dagegen.

Gewiß  wird  den  Zuständen,  d.h.  der  wirtschaftlichen,  sozialen,  rechtlichen  und
geistigen  Gesamtdisposition  eines  Zeitalters  die  eingehendste  Beachtung  zu  schenken
sein,  da  sonst  weder  Personen  noch  Geschehnisse  verstanden  werden  könnten.
Nicht  minder  bedeutsam  aber  sind  der  freie  Wille  der  führenden  Geister  und
der  Zufall.  Nicht  der  Zwang,  sondern  freier  Wille  bestimmte  Friedrich  den
Großen  nach  dem  Tage  von  Kunersdorf  zum  Aushalten,  hat  Blücher  und
Gneisenau  von  Ligny  nach  Belle-Alliance  und  Ludwig  XVI.  aus  den  Tuilerien
statt  an  die  Spitze  der  Schweizer  in  den  Sitzungssaal  der  Nationalversammlung
geführt.  Und  Zufall  war  es,  daß  beim  Tode  Kaiser  Heinrichs  VI.  der  tatkräftigste
  Papst  den  Stuhl  Petri  bestieg,  daß  Preußen  eine  so  glänzende  Reihe
von  großen  Königen  geschenkt  wurde,  Zufall  zum  großen  Teil,  daß  Kaiser
Wilhelm  I.  solche  große  und  treue  Diener  fand.  Der  Glaube  ahnt  Gottes
Fügung,  die  Wissenschaft  kann  diese  Begründung  nicht  anerkennen,  sondern
nur  die  glückliche  Tatsache  feststellen.  Es  wird  dabei  bleiben,  daß  trotz  der
notwendigen  Betonung  des  Zuständlichen  und  der  von  diesem  ausgehenden
Bedingtheit  der  Taten  der  Unterricht  es  wesentlich  mit  menschlichem  Wollen
und  kausal  oft  unerklärlichen  Geschehnissen  zu  tun  hat,  mit  bewußtem  freien
Handeln  und  Zufall.

Auf  die  Frage  nach  der  Auswahl  des  Stoffes  kann  für  die  Wissenschaft
sowie  zunächst  auch  für  den  Unterricht  nur  die  Gegenwart,  für  die  der  Schüler
ja  erzogen  werden  soll,  die  Antwort  geben:  ‘Die  Auswahl  beruht  auf  dem  historischen
  Interesse,  welches  die  Gegenwart  an  irgend  einer  Wirkung,  einem  Ergebnis
  der  Entwicklung  hat,  so  daß  sie  das  Bedürfnis  empfindet,  den  Anlässen
nachzuspüren,  welche  es  herbeigeführt  haben’  (Ed.  Meyer).  Vor  allem  haben  wir
aber  ein  Interesse,  die  Grundlagen  unserer  Zeit  zu  erkennen.  Dazu  tritt  für  die
Schule  besonders  der  Hinblick  auf  das  Interesse  und  die  geistige  Fassungskraft
von  Knaben  und  Jünglingen  sowie  die  für  den  Unterricht  verfügbare  Zeit.  Zunächst
  interessiert  auch  den  Schüler  die  Entwicklung  der  eigenen  Nation  und
dann  erst  die  anderer  Völker.  Wohl  lockt  das  Fernliegende,  aber  schließlich
behält  die  Begeisterung  für  die  Großtaten  des  eigenen  Volkes  die  Oberhand.
Die  zugemessene  Stundenzahl  gestattet  nicht,  den  Kreis  der  anderen  Nationen,
die  der  Betrachtung  unterzogen  werden  sollten,  weit  auszudehnen.  Nur  wenn
sie  Einfluß  auf  die  Geschicke  unseres  Vaterlandes  ausgeübt  und  noch  ausüben,
können  sie  auf  der  Schule  Gegenstand  des  Unterrichts  sein,  also  vor  allem
die  Griechen  und  Römer,  sowie  unsere  Nachbarstasten.  Die  Geschichte  jener
hinwiederum  ist  ohne  eine  wenn  auch  nur  kurze  Betrachtung  der  orienta-