Auswahl  und  Gliederung  des  Stoffes.  681

zeugnisse  für  den  einjährigen  Heeresdienst  die  höheren  Schulen  verlassen.
Hermann  Grimms  geistvoller,  durch  ein  Wort  unseres  Kaisers  veranlaßter
Versuch  eines  rückläufigen  Geschichtsunterrichts  kennt  keine  konzentrischen
Kurse,  sondern  verteilt  den  Stoff  fast  gleichmäßig  auf  alle  Klassen.  Den
oberen  Klassen,  der  Sekunda  und  Prima,  weist  er  die  Geschichte  des  Altertums,
den  unteren  die  neuere  und  neueste  Zeit  zu.  Es  ist  nicht  nötig  zu  betonen,
daß  Grimm  selbst  an  einer  Stelle  bemerkt,  daß  ihm  die  Sachkenntnis  fehle,
jedenfalls  muß  man  sich  mit  dem  geistvollen  Manne  noch  auf  andere  Weise
als  mit  dem  Hinweis  auf  diese  Tatsache  auseinandersetzen.  Sein  Vorschlag
krankt,  abgesehen  von  dem  durch  die  ganze  Schule  festgehaltenen  rückläufigen
  Gange,  über  den  später  zu  handeln  ist,  daran,  daß  er  die  neueste  Geschichte
  einer  Altersstufe  zuweist,  auf  der  von  Verständnis,  vornehmlich  der
inneren  Verhältnisse,  noch  keine  Rede  sein  kann,  und  sie  andererseits  von  der
Stelle  entfernt,  wo  der  Schüler  ihr  die  nötige  Auffassungsfähigkeit  entgegenbringt,
  von  wo  aus  er  den  nachhaltigsten  Eindruck  ins  Leben  hinausträgt.

Überall  finden  wir  in  den  Lehrplänen  den  Stoff  auf  mindestens  zwei  Stufen
verteilt.  Der  eigentliche  Geschichtsunterricht  beginnt  durchweg  mit  der  Quarta.
Das  Königreich  Sachsen  macht  eine  Ausnahme.  Hier  beginnt  der  eigentliche
Geschichtsunterricht  schon  auf  Sexta.  Die  Unterstufe  umfaßt  die  vier  untersten
Klassen,  die  Oberstufe  die  fünf  oberen.  In  Bayern  beginnt  der  Oberkursus
mit  der  Untersekunda.  Wenn  auch  die  in  beiden  Ländern  auf  drei  Jahre  berechnete
  Behandlung  der  mittelalterlichen  und  neueren  Geschichte  einen  wesentlichen
  Vorteil  bedeutet,  vor  allem  ein  tieferes  Eingehen  auf  wirtschaftliche
und  soziale  Probleme  der  deutschen  Geschichte  und  auf  Kulturgeschichtliches
ermöglicht,  so  ist  dem  gegenüber  zu  bemerken,  daß  zu  einer  vertieften  Durchnahme
  der  griechischen  Geschichte  die  Obertertianer  noch  nicht  reif  sind  und
daß  mit  Rücksicht  auf  die  aus  der  Untersekunda  abgehenden  Schüler  aus  obenerwähnten
  Gründen  (S.  674)  die  Unterstufe  in  dieser  Klasse  mit  Durchnahme  der
neuesten  deutschen  Geschichte  ihren  Abschluß  finden  muß.  Dieser  Gesichtspunkt
ist  für  die  Gestaltung  der  preußischen  Lehrpläne  maßgebend  gewesen.  Wenn  auch
damit  die  Oberstufe  auf  drei  Jahre  zusammengedrängt  wird,  so  ist  andererseits
zu  beachten,  daß  die  vierjährige  Vorstufe  von  Quarta  bis  Untersekunda  die  feste
Einprägung  eines  umfangreichen  Wissens  ermöglicht,  daß  die  Oberstufe  nach
kurzer  Wiederholung  den  Stoff  nur  zu  ergänzen  und  zu  vertiefen  hat,  mit  dem
sie  dann  bald  „operieren“  kann.  Die  Aufgabe  ist  nicht  leicht;  sie  verpflichtet
den  Lehrer  zu  besonnenster  Einteilung  des  Stoffes  und  zu  gründlichster  Ausnutzung
  der  Zeit,  besonders  da  er  eine  Anzahl  von  Stunden  auf  den  geographischen
  Unterricht  verwenden  muß.

Ein  eigentlicher  Geschichtsunterricht  ist  auf  der  Vorstufe  ausgeschlossen,
wenn  auch  geschichtliche  Einzelkenntnisse  übermittelt  und  eingeprägt  werden
können.  Hier  handelt  es  sich  um  Anregung,  um  Erweckung  der  Begeisterung
für  Helden  und  Völker,  um  Anbahnung  des  Verständnisses  für  geschichtliche
Persönlichkeiten.  Hier  ist  der  Ort  für  die  Heldensage,  aber  auch  für  die  Entwickelung
  des  Verständnisses  für  zeitliche  Abstände,  was  so  leicht  geschehen