682  Avrer:  Geschichte.

kann,  aber  so  oft  unterlassen  wird,  als  ob  es  sich  von  selbst  einstelle.  Die
darauf  folgende  die  mittleren  Klassen  umschließende  untere  Stufe  des  eigentlichen
  Geschichtsunterrichts  führt  dem  Schüler  den  Verlauf  der  Ereignisse  in
ihrem  Zusammenhange  vor  Augen.  Im  Vordergrunde  stehen  die  führenden  geschichtlichen
  Persönlichkeiten  und  ihre  und  ihres  Volkes  Taten.  In  steigendem
Maße  kann  den  Schülern  das  Verständnis  von  Zuständen  zugemutet  werden.
So  wird  der  Übergang  zur  Oberstufe  vorbereitet.  Wenn  auch  für  diese  das
vertiefte  Verständnis  der  großen  Männer  eine  Hauptaufgabe  bleiben  muß,  das
wesentlich  Neue  ist  für  sie  die  Betrachtung  der  kulturhistorischen  Elemente
und  ihres  Einflusses  auf  den  geschichtlichen  Verlauf.  Religion,  Kunst  und
Literatur  fordern  sorgsamere  Beachtung,  vor  allem  aber  die  wirtschaftlichen  und
gesellschaftlichen  Verhältnisse,  und  zwar  in  um  so  höherem  Maße,  je  mehr  bei
reiferem  Verständnis  der  Unterricht  sich  der  Gegenwart  zuwendet.  Schritt  für
Schritt  treten  so  die  treibenden  Kräfte,  Personen,  Ideen  und  Zustände,  in  den
Gesichtskreis  des  Jünglings,  und  Schritt  für  Schritt  gelangt  er,  wenn  auch  nicht
zum  vollen  Begreifen,  so  doch  zum  ahnenden  Verständnis  geschichtlicher
Prozesse.

Das  Verhältnis  zu  den  anderen  Unterrichtsgegenständen.‘)  Von
Ziller  und  seinen  Schülern  ist  für  die  Volksschule  der  Versuch  gemacht  worden,
  die  Geschichte  als  Gesinnungsunterricht,  der  besonders  geeignet  sei,  dem
Geiste  die  Richtung  anzuweisen,  in  den  Mittelpunkt  des  Unterrichts  zu  stellen
und  ihm  die  anderen  Lehrgegenstände  als  Stützen  unterzuordnen.  Nach  verschiedenen
  Stufen  der  Denkweise  des  Individuums,  denen  bestimmte  Anschauungsweisen
  der  Völker  und  Lebensgemeinschaften  und  demgemäß  auch  die  Staatsformen
  entsprechen,  werden  drei  Stufen  unterschieden  und  auf  sie  der  Inhalt
der  verschiedenen  Lehrgegenstände  zugeschnitten.  Auf  der  ersten  Stufe  z.  B.
handelt  es  sich  bei  dem  Individuum  um  phantasiemäßige  Denkweise,  ihr  entspricht
  beim  Volke  das  Heldenzeitalter  und  die  patriarchalisch  geordnete  Gesellschaft.
  Demgemäß  ist  hier  der  Platz  für  Märchen,  Sagen,  Patriarchengeschichte,
  während  die  Naturbeschreibung  mit  Rücksicht  auf  die  erste  Kulturstufe
  der  Menschheit,  die  Jagd-  und  Hirtenvölker,  sich  mit  Zoologie  zu  beschäftigen
  hat.  Wir  versagen  uns  ein  weiteres  Eingehen  auf  die  zwei  weiteren
Stufen,  wo  das  Gezwungene  und  auch  wissenschaftlich  oft  Unhaltbare  dieser
gewiß  sehr  beachtenswerten  Konstruktion  noch  mehr  in  die  Augen  fällt.
Schon  auf  der  Volksschule  hat  sich  ihre  Durchführung  als  unmöglich  erwiesen.
Der  Gang,  den  jede  einzelne  Disziplin  nimmt,  ist  ihr  durch  ihre  Eigenart  vorgezeichnet
  und  darf  nicht  durch  die  Rücksicht  auf  ein  anderes  Fach  vergewaltigt
  werden,  wenn  nicht  sein  Bildungsgehalt  verringert  werden  soll.  So
ist  es  z.  B.  untunlich,  den  botanischen  Unterricht  erst  mit  der  zweiten  Stufe

)  Literatur.  Ziller,  Grundlegung  usw.  —  Willmann,  Päd.  Vorträge,  bes.  V.  —
Jäger  in  Baumeisters  Handbuch  III,  1  u.  in  Lehrkunst  u.  Lehrhandwerk.  —  Auler,  Die
Wiederholungen  aus  der  Erdkunde  auf  den  oberen  Klassen.  Direktoren-  Vers.  69.  Bd.
Westfalen  1908.