684  Aurxze:  Geschichte.

männer.  Auch  das  Deutsche  und  die  neueren  Sprachen  bieten  gleichartige
Schriftwerke,  jedoch  überwiegen  abgeleitete  Darstellungen.  Ihr  Wert  ist  nicht
gering  anzuschlagen,  wie  das  stellenweise  geschieht;  auch  was  von  Livius  vorhanden
  ist,  ist  abgeleitete  Darstellung,  und  im  kritischen  Sinne  steht  er  doch
tief  unter  den  Neueren,  von  dem  trefflichen  Plutarch  zu  geschweigen,  der  ja
auch  kein  Historiker  sein  will;  trotzdem  gelten  sie  als  wertvolle  Quellen.
Noch  wichtiger  ist  die  Lektüre  der  Dichter  und  Philosophen,  und  da  steht
das  Deutsche  obenan,  weil  hier  ein  viel  größerer  Lesestoff  bewältigt  und
geistig  verarbeitet  werden  kann.  Ein  jedes  Literaturdenkmal  vom  kleinsten
Liedchen  bis  zum  größten  Drama  und  der  gehaltvollsten  Abhandlung  ist  als  Beitrag
  für  die  Charakterisierung  der  Volksart  und  des  Zeitgeistes  aufzufassen.
Hier  haben  wir  es  ım  besten  Sinne  mit  Quellenlektüre  zu  tun.  Nicht  zu  unterschätzen
  sind  die  sprachgeschichtlichen  Belehrungen  über  Laut-  und  Bedeutungswechsel
  der  Worte,  die  dem  Schüler  auf  den  höheren  Klassen  reichlich  zufließen,
besonders  in  dem  Deutschen  und  den  neueren  Sprachen.  Wortgeschichte  ist
eben  ein  Stück  Kulturgeschichte.

Noch  heute  hört  man  die  Ansicht  vertreten,  daß  der  Geschichtsunterricht
der  Lektüre  zu  dienen,  ihr  vorzuarbeiten  habe,  besonders  der  Lektüre  der  Alten.
Dem  kann  nicht  scharf  genug  widersprochen  werden.  Gewiß  wird  er  diesem
Zwecke  dienen,  wie  überhaupt  ein  Unterrichtszweig  den  anderen  unterstützen
soll,  gerade  so  wie  das  Fach  den  Unterricht  in  der  Kirchengeschichte  und  in  der
Erdkunde  fördert.  Aber  wenn  die  Lektüre  eines  Schriftstellers  eine  geschichtliche
  Einleitung  erheischt,  so  ist  das  Sache  des  Lehrers  der  Sprachen.  Schon
die  der  Geschichte  kurz  zugemessene  Zeit  nötigt  uns,  obigen  Anspruch  zurückzuweisen.


Auch  Mathematik  und  noch  mehr  die  Naturwissenschaften  unterstützen
die  Historie,  wenn  auch  nicht  in  dem  Maße  wie  die  sprachlichen  Fächer.  Seitdem
  man  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen  größere  Aufmerksamkeit  zuwendet,
ist  es  in  erhöhtem  Maße  notwendig,  die  Großtaten  naturwissenschaftlicher
Forschung  und  der  Technik,  besonders  seit  dem  15.  Jahrhundert,  in  den  Bereich
der  Geschichtsdarstellung  zu  ziehen.

Kein  Unterrichtsfach  aber  steht  in  engerer  Verbindung  mit  der  Geschichte
als  die  Erdkunde.  ‘Man  lernt  die  Geographie  nicht,  ohne  ihre  Geschichte  zu
kennen.  Die  Geschichte  der  Geographie  ist  ein  Hauptstück  der  Weltgeschichte.
Sie  zeigt,  wie  ein  Volk  seines  Bodens  und  die  Menschheit  ihrer  Mutter  Erde
inne  wird’  (Ratzel,  Die  Erde  und  das  Leben).  Ohne  gründliche  Kenntnis  des
Bodens  des  Staates  steht  die  Staatswissenschaft  und  die  Soziologie  in  der  Luft.
Politik  ist  angewandte  Geographie  (Ratzel,  Polit.  Geographie).  Ein  Ereignis
ist  erst  in  seiner  historischen  Bedeutung  zu  würdigen,  wenn  es  geographisch
einigermaßen  festgelegt  ist.  Die  Kenntnis  der  Lage  und  der  nattirlichen  Beschaffenheit
  eines  Erdraumes  sind  unentbehrlich,  um  den  Gang  der  Geschichte  zu  enträtseln,
  sie  vor  allem  ist  die  Grundlage  für  das  Verständnis  wirtschaftlicher
und  sozialer  Zustände.  Völkerbewegungen,  Kriegszüge  und  Handelsfahrten  erklären
  sich  zum  großen  Teil  aus  den  geographischen  Verhältnissen.  Wohl