Die  Vorstufe.  685

wird  in  Werken  und  Leitfäden  über  alte  Geschichte  der  geographischen  Grundlage
  großes  Gewicht  zugemessen,  für  die  spätere  Geschichte  geschieht  es  trotz
vorzüglicher  Vorarbeiten  nicht  oder  wenigstens  nicht  in  genügendem  Maße.

Die  Vorstufe.!)  Daß  in  den  eigentlichen  Geschichtsunterricht  der  Knabe  frühestens
mit  dem  elften  oder  zwölften  Lebensjahre,  also  mit  dem  Eintritt  in  die  Quarta,  eingeführt
werde,  gilt  heute  als  selbstverständlich.  Eher  hat  er  für  geschichtliche  Entwickelung  noch
gar  kein  Verständnis.  Aber  schon  die  Philanthropisten  sahen  ein,  daß  eine  vorbereitende
Stufe  nötig  sei.  Die  Vorschläge  und  Versuche  von  Basedow  und  Salzmann  (9.  666)
haben  noch  heute  an  ihrem  Werte  wenig  eingebüßt;  jener  allerdings  will  hier  neben  der  vernünftigen
  Belehrung  über  ‘Staatssachen’  noch  eine  tabellarische  Übersicht  der  Weltgeschichte
gelernt  haben.  Sogar  Raumer  verwirft  letzteres  Verfahren  noch  nicht,  und  Kohlrausch
forderte  eg  noch  in  der  westfälischen  Instruktion  von  1830  neben  der  Durchnahme  von
Lebensbildern  großer  geschichtlicher  Männer.  Schon  Bahrdt  (S.  865)  hat  sich  gegen  dieses
Verfahren  ausgesprochen  und  die  Übersichten  an  den  Schluß  des  Unterrichtes  gesetzt;  die
Späteren  haben  es  ganz  fallen  lassen;  mit  Recht,  nimmt  es  doch  das,  was  als  ein  Ergebnis
aus  dem  Unterrichte  herauswachsen  soll,  vorweg  und  mutet  dem  Schüler  ein  geisttötendes
Auswendiglernen  unverstandener  und  für  ihn  unzussmmenhängender  Tatsachen  zu.  Wenn
F.  A.  Wolf  (S.  666)  dem  ersten  Kursus  “rhapsodische’  Erzählung  zuwies,  wie  eg  die  Gelegenheit
  mit  sich  brachte,  wollte  er  doch  Zahlen  nicht  entbehren,  wobei  von  der  Gegenwart
auszugehen  sei.  Dieser  Kursus  solle  kurz  sein  und  besondere  dem  Gedächtnis  viel  übergeben,
  das  späterhin  nicht  so  stark  sei,  ein  Verlangen,  das  schließlich  auf  ein  Gedächtniswissen,
  auf  den  oben  gerügten  Mißbrauch  hinauslaufen  mußte.  Da  war  es  dann  doch  besser,
wenn  Thiersch  (8.  667)  in  seiner  Münchener  Zeit  die  Vorbereitung  zur  Geschichte  in  einem
gut  geleiteten  geographischen  Unterrichte  erblickte,  während  er  in  seiner  Göttinger  Zeit  mit
Herbert  und  Dissen  als  geeigneten  Stoff  für  die  Vorstufe  die  Lektüre  der  Odyssee  ansah,
auf  die  er  die  des  Herodot  folgen  lassen  wollte,  Gedanken,  für  die  Willmann  besonders
eingetreten  ist.  Kohlrausch  endlich  war  der  erste,  der  als  Ergänzung  dazu  auf  die
Patriarchenzeit  hinwies  und  in  der  westfälischen  Instruktion  die  Geschichte  Iaraels  und
im  Anschluß  daran  eine  Übersicht  über  die  ältesten  Reiche  vorgeführt  sehen  wollte.  Dieser
Stoff  sollte  aber  im  wesentlichen  im  Religionsunterricht  behandelt  werden;  der  Gegenstand
des  besonderen  Geschichtsunterrichtes  der  Sexta  und  der  Quinta  sollte  die  biographische
Behandlung  der  Großen  der  Weltgeschichte  sein,  ein  Verfahren,  das  Campe  auch  auf
weitere  Stufen  übertragen  wollte.

Gegen  den  biographischen  Unterricht  hat  sich  Willmann  in  aller  Schärfe  und  mit
Recht  ausgesprochen.  Biographie  ist  keine  Geschichte.  Diese  hat  es  mit  Völkern  und  ihren
Schicksalen  zu  tun,  und  ihr  Interesse  an  den  führenden  Personen  ist  begründet  auf  die  Tatsache,
  daß  sie  Träger  der  Entwicklung  sind.  Die  Biographie  aber  hat  es  lediglich  mit  der
Person  zu  tun.  Ein  biographischer  Unterricht  aber,  der  die  geschichtlichen  Vorgänge  um
hervorragende  Menschen  sammelt,  muß  geradezu  falsche  Vorstellungen  bei  den  Schülern
erwecken,  als  ob  sie  nur  mit  großen  Männern,  edlen  Menschen  und  weisen  Fürsten  zu  tun
hätten;  er  muß  ihnen  den  Begriff  beibringen,  als  ob  das  Außerordentliche  und  Hervorragende
  das  Gewöhnliche  sei.  Das  Element  der  Jugend  ist  die  Erzählung,  das  Märchen,
die  Sage,  das  Epos,  zu  dem  die  Biographie  in  schärfstem  Gegensatze  steht.  Diese  Reaktion

ı)  Literatur.  Raumer,  Gesch.  d.  Pädag.  II,  3.  Aufl.,  1857,  8.  298  ff.  —  Willmann,
Der  elementare  Gesch.-Unt.  —  Ders.,  Die  Odyssee  im  erziehenden  Unterricht  in:  Pädag.  Vorträge
  IV.  —  Westfäl.  Instruktion  v.  1830.  —  Frick,  Allgem.  Gesichtspunkte  für  eine
didaktische  Stoffauswahl,  Lehrpr.  12.  —  Ders.,  Bemerkungen  über  das  Wesen  u.  die  unterrichtl.
  Pflege  des  Heimatsgefühls.  —  Lübbert,  Die  Verwertung  der  Heimat  im  Gesch.-Unt.
  Progr.,  Latina.  Halle  1901.  —  Campe,  Jäger,  a.  &amp;  OÖ.  —  Neubauer  in  Reins
Enzyklop.  a.  a.  0.