686  Aurze:  Geschichte.

gegen  die  extreme  Anschauung  Campes  ist  ja  ganz  naturgemäß,  aber  auch  sie  geht  entschieden
  zu  weit.  Solange  die  Achtung  vor  den  Heldengestalten  als  ein  notwendiges  Ergebnis
des  Geschichtsunterrichtes  angesehen  wird,  so  lange  wird  man  einer  besonderen  Betrachtung
derselben  nicht  entraten  können.  Geschichte  in  Biographie  aufzulösen,  ist  ein  Unding.
Aber  einen  biographischen  Einschlag  kann  sie  auf  allen  Stufen  wohl  vertragen,  besonders
suf  der  untersten.  Willmann  selbst  zeigt  uns  den  richtigen  Mittelweg  mit  der  Bemerkung,
daß  ‘man  wohl  eine  Darstellung  der  Vorgänge  durch  Biographien  erweitern  könne,  aber
nicht  umgekehrt’.  Das  gilt  für  alle  Stufen.

Die  Bearbeitung  der  westfälischen  Instruktion  von  18569  und  demgemäß  die  späteren
preußischen  Lehrgänge  bis  1882  kennen  keine  besonderen  Geschichtestunden  auf  der  Vorstufe.
  Sie  überlassen  die  Vorbereitung  gewissermaßen  dem  Zufall,  dem,  was  an  geschichtlichem
  Stoffe  der  sprachliche  Unterricht,  die  Erdkunde  und  der  Religionsunterricht  bieten.
So  stehen  im  wesentlichen  noch  heute  die  bayrischen  Lehrpläne.  Die  preußischen  von  1892
haben  dem  Deutschen  einen  Teil  der  ihm  ja  sehr  naheliegenden  Einführung  in  den  Geschichtsunterricht
  zugeschoben,  indem  sie  für  eine  Wochenstunde  diesem  Fache  die  Beschäftigung
  mit  Geschichtserzählungen  zuwiesen.  In  Sachsen  behandelt  die  Vorstufe  auf
Gymnasien  und  Realgymnasien  schon  einen  auf  der  Unterstufe  des  eigentlichen  Geschichtsunterrichtes
  nicht  mehr  wiederkehrenden  unentbehrlichen  Teil  des  Lehrstoffes.

Seit  Basedow  also  ist  die  Forderung  eines  Vorbereitungskursus  nicht  mehr  verschwunden.
  In  der  Tat  wird  der  in  der  Quarta  beginnende  eigentliche  Geschichtsunterricht
ohne  Vorbereitung  wesentliche  Schwierigkeiten  bieten.  Der  Quartaner  muß  eine  Anschauung
mitbringen  von  einem  Gemeinwesen,  von  Stadt  und  Staat,  Obrigkeit  und  Untertan,  vom
Wirtschafte-  und  Erwerbsleben  u.  a.  m.,  dann  aber  auch  ein  Verständnis  für  Zeitabstände,
das  ohne  besondere  Veranstaltung  nicht  erreicht  wird;  schon  vorher  müssen  seiner  Phantasie
große  Taten  und  Helden  nähergebracht  worden  sein,  ehe  sie  ihm  in  dem  chronologischen
Fortgang  der  Erzählung  vorgeführt  werden.  Gewiß  wird  auch  im  Unterrichte  der  Quarta
und  Untertertia  auf  diese  Dinge  immer  wieder  eingegangen  werden,  aber  wollte  man  hier
erst  beginnen,  das  Verständnis  jener  Begriffe,  das  im  Unterrichte  nicht  von  selbst  kommt,
anzubahnen,  müßte  man  die  Vorführung  des  Taisächlichen  so  häufig,  und  zwar  auf
längere  Zeit  unterbrechen,  daß  der  Zusammenhang,  der  Fluß  der  Erzählung,  leiden  und
der  Stoff  allzusehr  verkürzt  werden  müßte.

Es  kommt  wenig  darauf  an,  in  welchen  Stunden,  einer  besonderen  Geschichtsstunde
oder  im  Deutschen,  die  Vorbegriffe  behandelt  werden,  wenn  man  nur  obige  Gesichtspunkte
  im  Auge  behält.  Wenn  die  preußischen  Lehrpläne  in  Sexta  für  “Lebensbilder  aus
der  vaterländischen  Geschichte,  namentlich  der  neueren’,  und  in  Quints  für  ‘Erzählungen
aus  den  Sagen  des  klassischen  Altertums  sowie  aus  der  ältesten  Geschichte  der  Griechen
(bis  Solon)  und  der  Römer  (bis  Pyrrhus)’  vom  deutschen  Unterrichte  eine  besondere  Stunde
in  Anspruch  nehmen,  so  zeigt  das  nur,  daß  der  Sache  großes  Gewicht  beigelegt  wird  und
man  die  Vorbereitung  auf  den  eigentlichen  Geschichtsunterricht  nicht  ganz  dem  Zufalle
preisgeben  will.  Auch  genügt,  was  in  dieser  einen  Stunde,  besonders  auf  Sexta,  geboten
werden  kann,  durchaus  nicht,  es  muß  in  anderen  Fächern  seine  Ergänzung  finden,  wie  es
j®  auch  tatsächlich  der  Fall  ist.

Eine  besondere  Aufgabe  aber  ist;  der  einen  Stunde,  die,  wie  ja  Jäger  mit  Recht  hervorhebt,
  wesentlich  eine  deutsche  Stunde  ist,  vorbehalten,  die  Anbahnung  des  Verständnisses
für  Zeitsbstände.  Jahreszahlen  und  Daten  hier  lernen  zu  lassen,  wäre  vom  Übel,  aber  so
ganz  zeitlos  sollen  die  Lebensbilder  aus  der  vaterländischen  Geschichte  doch  nicht  in  der
Luft  schweben.  Dem  Sextaner  ist  von  der  Zeit,  die  das  Erzählte  hinter  uns  liegt,  eine  allgemeine
  Vorstellung  beizubringen.  Man  gelangt  am  ehesten  zu  diesem  Ergebnisse,  wenn
man  von  der  Gegenwart  ausgeht.  Ich  verwerfe  entschieden  den  regressiven  Gang  im
eigentlichen  Geschichtsunterrichte;  für  die  Sexts  ist  er  in  beschränktem  Umfange  angebracht.
  Es  ist  naturgemäß  vom  Nächstliegenden  auszugehen  und  das  ist  doch  in  allen
Fällen  Heimat  und  Gegenwart.  Die  Schüler  haben  ihres  Kaisers  Geburtstag  und  silbernes
Hochzeitefest  gefeiert,  sie  wissen,  wie  alt  er  ist  und  können  sich  im  Hinblick  auf  das  Alter