688  Avrer:  Geschichte.

Herbartse  und  Willmanns  bei  Durchnahme  der  Odyssee  angewandt  und  eine  Erweiterung
der  in  Sexta  gewonnenen  Anschauungen  und  Begriffe  erzielt  werden.  Auch  hier  treten  die
oben  erwähnten  Fächer,  besonders  das  Deutsche  und  die  Erdkunde  helfend  hinzu.  Hier
aber  ist  besonders  zu  betonen,  daß  die  dem  Deutschen  an  den  lateintreibenden  Anstalten
zugewiesene  geringe  Stundenzahl  (8)  den  Abzug  einer  Stunde  für  Geschichte  kaum  verträgt.
Andererseits  ist  doch  der  Klasse  tatsächlich  ein  Geschichtspensum  zugewiesen,  das  erledigt
werden  sollte.  Der  Lehrer  wird  alle  Mühe  haben,  der  Doppelaufgabe  zu  genügen.  Zusammenhängende
  Sagengeschichte  ist  zwar  kein  Übel,  aber  hier  weder  nötig  noch  möglich.  Die
hier  vorgeschriebene  Durchnahme  der  Erdkunde  des  Deutschen  Reiches  zusamt  der  vertieften
Heimatkunde  führt  zur  Erwerbung  und  Festigung  der  in  Sexta  erworbenen  Anschauungen.

Der  eigentliche  Geschichtsunterricht.e.  Darbietung.!)  Die  Bemerkungen,
  die  in  dem  Abschnitt  über  das  biographische  Verfahren  gemacht
worden  sind,  ebenso  über  den  rückschreitenden  Lehrgang,  gelten  auch  für
die  späteren  Stufen.  Die  neueren  regressiven  Lehrversuche  gehen  zurück
auf  das  bekannte  Wort  des  Kaisers  in  der  Schlußsitzung  der  Dezemberkonferenz
  1890:  “Bisher  hat  der  Weg  von  den  Thermopylen  über  Cannae
nach  Roßbach  und  Vionville  geführt.  Ich  führe  die  Jugend  von  Sedan  und
Gravelotte  über  Leuthen  und  Roßbach  zurück  nach  Mantinea  und  nach  den
Thermopylen.  Ich  glaube,  das  ist  der  richtige  Weg,  und  den  müssen  wir
mit  unserer  Jugend  wandeln.”  Diese  Worte  sind  gründlich  mißverstanden  worden.
  An  einen  rückschreitenden  Geschichtsunterricht,  der  stets  berichtet,  wie
es  gewesen  war  und  nicht,  wie  es  geworden  ist,  der  den  bunten  Teppich  der
Geschichte  zu  einem  Haufen  von  Fäden  auseinanderzerrt,  hat  der  Kaiser  nicht
gedacht.  Die  folgerichtige  Durchführung  dieses  Unterrichts  ist  übrigens  auch
unmöglich,  da  er  notwendigerweise  nach  Entwerfung  des  Bildes  einer  bestimmten
  Zeit,  also  nach  der  durchaus  unpädagogischen  Vorwegnahme  des
Ergebnisses  einer  Entwickelung  auf  den  Anfangspunkt  derselben  zurückgreift
und  unwillkürlich  von  da  ab  in  das  vorwärtsschreitende  Verfahren  umschlägt.

Was  der  Kaiser  verlangt,  ist  die  Ausbildung  eines  gesunden  Gegenwartssinnes.
  Das  Auge  des  Schülers  soll  auf  jeder  Unterrichtsstufe  und  in  jedem
Unterrichtsgegenstand  für  Erscheinungen  und  Vorgänge  der  Umgebung  ge
öffnet  und  geschärft  werden.  Nur  wenn  er  sich  schon  einigermaßen  in  der
Gegenwart  umgetan,  kann  er  das  Vergangene  verstehen,  so  wie  im  geographischen

Y)  Literatur:  Herbart,  Löbell,  Peter,  Campe,  Biedermann,  Willmann,
Jäger,  Hannack,  Rusch,  Brettschneider  a.  a.  O.  Dazu  Dietsch,  in  Schmids  Enzyklopädie,
  II.  Bd.,  1.  Aufl.,  Artikel  Geschichte.  —  Herbst  ebendaselbst  2.  Aufl.  —  Köcher,
Zwölf  Thesen  über  den  Gesch.-Unt.  1880.  —  Junge,  Der  Gesch.-Unt.  1886.  —  Schiller  in
LL.  Heft  37.  1893.  —  Stutzer,  ZGW.  25,  S.  423  ff.  u.  47,  S.  734ff.  —  Schilling,  Quellenlektüre
  u.  Geschichtsunterricht.  1890.  —  Eberhardt,  Zur  Methodik  u.  Technik  des  Geschichtsunterrichts
  auf  Seminarien.  1874.  —  Ders.,  Über  Geschichtsunterricht  in  den  Pädag.
Studien,  herausgeg.  v.  Rein.  4.  Heft.  1886.  —  Bengel,  Quellenbenutzung  beim  Geschichteunterricht
  in  Pädag.  Zeit-  u.  Streitfragen,  58.  Heft,  enthält  eine  reichhaltige  Zusammenstellung
  der  Literatur  zu  der  Frage  u.  auch  der  Quellenbücher,  von  denen  ich  besonders  hervorhebe:
  Herbst,  Baumeister,  Weidner,  Quellenbuch  zur  alten  Gesch.  —  Blume,  Quellensätze.
  1888/89.  —  Sevin,  Geschichtl.  Quellenbuch.  1895/96.  —  Schilling,  Quellenbuch  zur
Gesch.  d.  Neuzeit.  —  Zurbonsen,  Quellenbuch  zur  brandenb.-preuß.  Gesch.