Darbietung.  689

Unterricht  die  Betrachtung  der  Heimat  die  Grundlage  ist  für  das  Verständnis
der  übrigen  nicht  geschauten  geographischen  Objekte.  Das  Wort,  daß  das
Studium  der  Vergangenheit  die  Gegenwart  verstehen  lehre,  ist  eine  halbe  Wahrheit.
  Nur  auf  Grund  unserer  Kenntnis  der  Gegenwart  ist  uns  ein  Verstehen
der  Vergangenheit  möglich  und  auf  Grund  dessen  wiederum  die  vertiefte  Anschauung
  jener.

Das  von  Biedermann  (8.  672)  vorgeschlagene  Verfahren  ist  wohlgeeignet,
den  Schüler  zur  Betrachtung  der  verschiedenen  Kulturbilder  anzuleiten,  damit
seine  Selbsttätigkeit  zu  fördern  und  den  Lehrer  zu  veranlassen,  alles  Nebensächliche
  auszuschalten.  Der  Verlauf  aber  der  Dinge  muß  dann  doch  schließlich
  auf  irgend  eine  Art  mitgeteilt  werden,  er  läßt  sich  nicht  logisch  erschließen
  noch  konstruieren;  der  Unterricht  würde  somit  auch  bei  dem  Biedermannschen
  Verfahren  seinen  rezeptiven  Charakter  nicht  verlieren.  Dagegen
liegt  die  Gefahr  nahe,  daß  die  lebendige,  ihrer  Natur  nach  einheitlich  verlaufende
  Entwickelung  gemäß  den  sachlichen  Gesichtspunkten,  nach  denen  das
Kulturbild,  dessen  Werden  dargestellt  werden  soll,  entworfen  ist,  auseinandergezerrt,
  die  lebendigen  Gestalten  grausam  zerlegt  und  der  große  Strom  der
Ereignisse,  das  Epische  der  Darstellung,  in  magere  Rinnsale  aufgelöst  wird.
Ferner  muß  auch  hier  die  Vorwegnahme  des  Ergebnisses  das  Interesse  des
Schülers  für  deren  Werden  abschwächen.  Für  gereiftere,  historisch  schon  geschulte
  Jünglinge  hat  diese  Art  der  Betrachtung  jedenfalls  großen  Wert.  Sie
kann  daher  bei  Wiederholungen  in  der  Prima  Anwendung  finden,  aber  es  gehört
  dazu  nach  meinen  Erfahrungen  eine  gute  Schülergeneration.

Seit  dem  Erscheinen  der  trefflichen  Schrift  von  Peter  (8.  670)  ist  die
Forderung,  den  Unterricht  auf  der  Lektüre  von  Quellen  aufzubauen,  stets  von
neuem,  sogar  für  die  Volksschule,  erhoben  worden.  Zahlreiche  Quellenbücher
sind  erschienen,  solche,  in  denen  umfängliche  Stücke  in  der  Sprache  der  Quellen
wiedergegeben  werden,  während  andere  Übersetzungen  bringen.  Höchst  beobachtenswert
  sind  Blumes  Quellensätze,  die  kürzere  Stellen  zu  einem  Bilde
vereinigen;  dazu  kommen  Zeittafeln,  zu  denen  in  Anmerkungen  die  ausführlichen
Belege  treten,  schließlich  Sammlungen  von  Volksliedern,  Briefen,  Aktenstücken
bezeichnender  Art.  Jedenfalls  kann  der  Gebrauch  dieser  Bücher  Anschauung
und  Kenntnisse  wesentlich  bereichern  und  durch  individuelle  Züge  vertiefen,
besonders  aber  würde  solche  Lektüre  und  ihre  Verarbeitung  die  Kenntnis  des
Zuständlichen  fördern.  Diesem  Verfahren  stellen  sich  aber  unüberwindliche
Hindernisse  entgegen,  vor  allem  die  Masse  des  Stoffes,  der  in  zwei  bis  drei
Wochenstunden  nicht  bewältigt  werden  kann.  Wollte  man,  was  aber  nur  für
die  alte  Geschichte  angängig  ist,  die  sprachlichen  Stunden  für  die  Quellenlektüre
  heranziehen,  so  würde  der  philologische  Unterricht  empfindlich  leiden.
Für  Mittelalter  usd  Neuzeit  kann  der  Sprachunterricht  noch  viel  weniger  ohne
Schaden  für  solche  Lektüre  in  Anspruch  genommen  werden.  Außerdem  hat
auch  der  Primaner  so  viel  mit  dem  sprachlichen  Gewande  der  Quellen  zu  tun,
daß  der  Umfang  der  Lektüre  entweder  auf  sehr  kurze  Zeitabschnitte  beschränkt

oder  oberflächlich  bleiben  müßte.  Auch  wenn  die  Quellen  in  unserer  Sprache  wieder-Handbuch
  für  Lehrer  höherer  Schulen.  44