Darbietung.  691

heißt  dem  Unterricht  das  Herzstück  ausbrechen.  “Mehr  noch  als  andere  Zweige
des  Unterrichts  bedarf  der  Geschichtsunterricht,  der  aus  so  viel  Einzeltatsachen
eine  innere  Einheit  zu  schaffen  hat,  der  über  das  Belehren  hinaus  erwärmen
und  begeistern  soll,  einen  einheitlichen,  geschlossenen  Mittelpunkt,  dieser  kann
nur  die  Persönlichkeit  des  Lehrers  und  seine  individuell  gefärbte  Erzählung
  sein.

Die  Hauptgeschichtsquelle  für  den  Schüler  ist  und  bleibt  der  in  chronologischer
  Folge  sich  entwickelnde  Vortrag  des  Lehrers.  DaB  er  in  der  Haupt
sache  frei  sein  muß,  ist  selbstverständlich.  Wer  am  Buche  oder  einer  schriftlichen
  Ausarbeitung  klebt,  verliert  die  notwendige  Verbindung  mit  der  Klasse
und  ihre  Leitung.  Die  Kunst  des  Vortrags  ist  lernbar.  Brettschneider  hat
völlig  recht  mit  der  hart  klingenden  Bemerkung,  ‘daß,  wer  trotz  gewissenhafter
Arbeit  nicht  imstande  ist,  einen  klaren,  anregenden,  einigermaßen  freien  Vortrag
zu  halten,  in  Prima  nicht  unterrichten  darf”  Ich  setze  hinzu:  noch  weniger
in  Quarta,  Quinta  und  Sexta.  Wer  von  den  Schülern  zusammenhängendes
Sprechen,  ja  längere  Auseinandersetzungen  verlangt,  muß  dieselbe  Forderung  in
erhöhtem  Maße  an  sich  selbst  stellen.  Wenn  der  Lehrer  den  Gegenstand  beherrscht
  und  ein  tüchtiger  Charakter  ist,  wenn  er  sich  selbst  für  alles  Große  begeistert
  und  die  Schüler  lieb  hat,  dann  wird  er  sie  fesseln  und  fortreißen,  mag  sein
Vortrag  auch  stellenweise  unter  Unebenheiten  leiden.  Die  gewandte  glatte  Schilderung
  allein  tut  es  nicht.  Auch  bis  in  die  obersten  Klassen  ist  die  schlichte
naive  Darstellung  angebracht.  Wenn  den  mittleren  Klassen  mehr  die  Tatsachen
der  äußeren  Geschichte  nahe  zu  bringen  sind,  so  wird  auf  der  Oberstufe  auf
Grund  des  aus  jenen  mitgebrachten  Wissens  das  Schwergewicht  auf  die  inneren
Verhältnisse  und  die  treibenden  geschichtlichen  Kräfte  zu  legen  sein.

Die  mannigfachen  Weisungen  über  die  Gestaltung  des  Lehrvortrages  können
bei  den  Grenzen,  die  diesem  Aufsatz  gezogen  sind,  hier  nicht  wiederholt  werden.
Hier  hängt  vieles  vom  Takte  des  Lehrers  ab.  Nur  sei  betont,  daß  die  zusammenhängende
  Erzählung  des  Lehrers  auf  fast  allen  Klassen  in  Stücke  zu  zerlegen
ist,  deren  Umfang  sich  nach  dem  Alter  der  Schüler  zu  richten  hat.  Auf
Quarta  und  Untertertia  sollte  der  Lehrer  ohne  Unterbrechung  auf  keinen  Fall
länger  als  zehn  bis  fünfzehn  Minuten  lang  erzählen.  Er  wird  dann  den  gebotenen
  Abschnitt  mit  den  Schülern  durchsprechen  und  dabei  hervortretende
Unklarheiten  beseitigen.  Mit  der  zunehmenden  Reife  des  Schülers  gewinnen
diese  Stücke  an  Umfang.  Aber  auch  auf  der  Prima  darf  der  Vortrag  nur
selten  25  Minuten  überschreiten,  es  sei  denn,  daß  der  Gegenstand  eine  Unterbrechung
  auf  keinen  Fall  verträgt.

Nach  Möglichkeit  ist  der  rezeptive  Charakter  des  Unterrichts  abzuschwächen.
So  kann  die  Erzählung  oft  durch  Fragen  unterbrochen  werden  über  besonders
wichtige  ebenerzählte  Punkte,  ob  sie  auch  klar  verstanden  sind,  nach  ähnlichen
früher  behandelten  Erscheinungen,  über  Möglichkeiten,  die  sich  für  den  künftigen
Lauf  der  Ereignisse  auftun,  zwischen  denen  der  Träger  der  geschichtlichen  Bewegung
zu  wählen  hat.  Wo  bisher  wenig  merkbare  geschichtliche  Kräfte  in  den  Vordergrund

  treten,  ist  selbstverständlich  zu  besserem  Verständnisse  ihre  Entwicklung
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